Der Verkauf von Senevita an den Schweizer Pflegeheimriese Tertianum, der ein Milliardenkonzern im Betreuungsgeschäft hätte schaffen sollen, steht auf wackeligen Beinen. Obwohl die Wettbewerbskommission grünes Licht gegeben und der Kaufvertrag unterzeichnet war, hat der französische Gesundheitskonzern Emeis – Eigentümer von Senevita – einen Strategiewechsel bekanntgegeben und den Verkauf abgesagt. Dieses ungewöhnliche Vorgehen wurde am Mittwoch kommuniziert.
Tertianum zeigt sich enttäuscht über diese Wendung: Der größte Schweizer Pflegekonzern ist entschlossen, die Übernahme durchzusetzen und hat rechtliche Schritte eingeleitet. Verzögerungen bei der Transaktion verstießen ihrer Ansicht nach gegen den Vertrag. Das Ziel des Unternehmens und seiner Eigentümerin Capvis, eine Beteiligungsgesellschaft aus Baar, ist es, durch die Übernahme zu wachsen.
Emeis beschäftigt mit fast 83’500 Mitarbeitenden in zwanzig Ländern Europas größten Pflegeanbieter. Neben Pflegeheimen und Wohnungen mit Betreuung betreibt Emeis auch psychiatrische Kliniken, Reha- und Privatkliniken. Mit den Dienstleistungen werden jährlich etwa 280’000 Personen unterstützt.
Der Name des Konzerns wurde 2024 von Orpea zu Emeis geändert, nachdem der frühere Name durch Berichte über Missstände in die Kritik geraten war. Der Journalist Victor Castanet dokumentierte damals gravierende Probleme wie Budgetkürzungen und Personalmangel, die zu Vernachlässigung führten. Dies beschädigte das Image von Orpea erheblich; am Aktienmarkt verlor der Konzern fast den gesamten Wert (-99.8%).
Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurde Orpea 2023 durch eine Investorengruppe unter Führung der französischen Beteiligungsgesellschaft Caisse des Dépôts gerettet, woraufhin verschiedene Veräußerungen folgten.
Im Dezember wurde die Übernahme bekanntgegeben: Senevita war für 250 Millionen Franken an Emeis verkauft worden, der Großteil ging an Tertianum. Nach Abschluss des Deals hätte das fusionierte Unternehmen mit rund 1.1 Milliarden Franken Umsatz und 6400 Pflegebetten sowie 4400 Wohnungen operiert.
Die Schweizer Pflegebranche ist strikt reguliert, weshalb der Gewinnmarge Grenzen gesetzt sind. Betreuungsdienste und Hotellerie bieten jedoch höhere Margen. Tertianum besitzt rund 2700 altersgerechte Wohnungen mit Serviceleistungen; Senevita bietet etwa 1700 solcher Einheiten an.
Lukas Stäger, CEO von Tertianum, betonte die Synergieeffekte des Zusammenschlusses. Doch Emeis begründete seinen Ausstieg damit, dass der Verkauf nicht mehr im Unternehmensinteresse sei – eine für die Schweiz ungewöhnliche Begründung.
Ein Wechsel in der Führung von Emeis und verbesserte finanzielle Aussichten könnten den Strategiewechsel beeinflusst haben. Der neue Verwaltungsratspräsident Olivier Dussopt könnte mehr Potenzial im Schweizer Markt sehen, und die gestiegenen Umsätze und Gewinne machen Verkäufe weniger dringlich.
Ein langes Tauziehen zwischen Emeis und Tertianum ist wahrscheinlich. Tertianum hat eine superprovisorische Verfügung gegen Emeis erwirkt, um zu verhindern, dass die Gesellschaft vor einem Rechtsstreit wesentlich verändert wird.