In einer Welt, in der individuelle Erkennungsmerkmale eine immer wichtigere Rolle spielen, beleuchtet Geertjan de Vugt in seinem Buch die bemerkenswerte Entwicklung und Bedeutung von Fingerabdrücken. Ursprünglich als Unterscheidungsmerkmal durch Rassentheoretiker genutzt, sind diese einzigartigen Muster auf den Fingerspitzen heute nicht nur entscheidend für Sicherheitsanwendungen wie das Entsperren von Smartphones oder die Grenzkontrolle, sondern auch Teil einer faszinierenden wissenschaftlichen und kulturellen Geschichte.
De Vugts Werk, betitelt «Der Wunsch zu verschwinden», kombiniert neun Essays, die quer durch verschiedene Disziplinen wie Medizin, Kriminologie, Okkultismus und Kunst führen. Der Autor stellt Jan Evangelista Purkyně in den Mittelpunkt seiner Untersuchung – einen böhmischen Physiologen des 19. Jahrhunderts, der als erster die Einzigartigkeit von Fingerabdrücken systematisierte. Nach umfangreichen Beobachtungen identifizierte Purkyně neun Grundmuster von Papillarleisten.
Die historische Reise führt weiter zu William James Herschel, einem britischen Beamten in den indischen Kolonien Mitte des 19. Jahrhunderts, der Fingerabdrücke als rechtssichere Identifikationsmethode einführte. Dieser Schritt markierte die Geburtsstunde der Daktyloskopie und stellte einen Wendepunkt in der kriminologischen Forschung dar.
Während Francis Galton die Unwahrscheinlichkeit gleichartiger Fingerabdrücke berechnete, was zur endgültigen Etablierung der Daktyloskopie führte, bleibt de Vugts Erzählstil gelegentlich angestrengt. Dennoch verfolgt er das Ziel, tiefschürfende Fragen zu stellen: Welche tiefgründige Bedeutung kann ein Quadratzentimeter menschlicher Haut über ein Individuum preisgeben? Während Fingerabdrücke in kriminologischen Kontexten als präzise Instrument dienen, eröffnen sie zugleich eine Welt der Spekulation und des Okkultismus.
Ein bemerkenswerter Abschnitt widmet sich Charlotte Wolff, einer deutsch-jüdischen Ärztin im Pariser Surrealismus der 1930er Jahre. Durch ihre Fähigkeit zur Handlesenanalyse beeindruckte sie Persönlichkeiten wie André Breton und Paul Éluard. Ihre Diagnosen, darunter eine auf Man Rays Hände bezogene Behauptung über ein Schilddrüsenproblem, zeugen von der damaligen Verbindung zwischen Kunst und okkulten Praktiken.
Mit einer Mischung aus Wissenschaftsgeschichte und kulturellen Anekdoten bietet Geertjan de Vugts Buch einen faszinierenden Einblick in die komplexe Welt der Fingerabdrücke.
Geertjan de Vugt: Der Wunsch zu verschwinden. Über Fingerabdrücke. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay-Verlag, Wien 2026. 288 S., Fr. 37.90.