Internationale Diskussionen über Altersbegrenzungen für den Zugang zu sozialen Medien nehmen an Fahrt auf, wobei rund 40 Länder solche Maßnahmen prüfen. Allerdings wird dabei oft vernachlässigt, dass die eigentliche Gefahr von der Struktur und dem Design dieser Online-Plattformen ausgeht. Die Debatte über den Jugendschutz fokussiert sich zu stark auf den Zugang zu diesen Netzwerken. Altersbeschränkungen scheinen eine einfache Lösung, bieten jedoch keine umfassenden Schutzmechanismen für Kinder. Der Ansatz legt das Augenmerk darauf, wer die Plattformen nutzen darf und blendet die Risiken aus, die durch das Aufbaukonzept entstehen. Risiken resultieren weniger aus der Nutzung selbst als vielmehr aus dem Design der Dienste. Algorithmen verstärken Inhalte, die besonders anziehend sind – auch solche, die problematisch sein können. Funktionen wie endloses Scrollen sollen Nutzer möglichst lange binden und dienen einem Geschäftsmodell, das auf maximale Nutzungsdauer basiert. Hier setzen Altersbeschränkungen nicht an; sie verhindern weder diese Mechanismen noch stoppen sie Kinder daran, solche Hürden zu umgehen. Internationale Erfahrungen zeigen die Schwierigkeit, den Einfluss von Altersbeschränkungen zu messen. In Australien wurden nach deren Einführung 4,7 Millionen Konten deaktiviert – ein Beleg dafür, dass Plattformen technische Anforderungen erfüllen können. Ob dies das Wohlbefinden junger Nutzer steigert, bleibt ungewiss und bedarf langfristiger Studien. Altersbeschränkungen sind kein Ersatz für effektive Regulierungen, sondern nur ein Teil eines umfassenderen Ansatzes. Auch andere Maßnahmen reichen nicht aus. Funktionen zur elterlichen Kontrolle wie Zeitlimits oder Filter können helfen, verschieben aber die Verantwortung auf Kinder und Familien ohne Angriff auf strukturelle Ursachen. Zudem könnten Altersbeschränkungen unbeabsichtigte Folgen haben: Sie erschweren den Zugang zu unterstützenden Online-Räumen, verdrängen Kinder in weniger regulierte digitale Bereiche oder schwächen Anreize für Plattformen, ihre Systeme sicherer zu gestalten. Solche Beschränkungen könnten zudem bestehende Ungleichheiten verstärken und jene treffen, die auf soziale Netzwerke angewiesen sind. In der Schweiz steht ähnliches zur Debatte: Der Fokus liegt stark auf Altersgrenzen, während grundlegende Probleme unberücksichtigt bleiben. Das geplante Gesetz über Kommunikationsplattformen bietet die Möglichkeit, Kinderrechte im digitalen Raum umfassend zu stärken, greift aber hauptsächlich auf Transparenz und den Umgang mit problematischen Inhalten zurück – ohne verbindliche Richtlinien zur Gestaltung der Plattformen. Ein effektiver Schutz erfordert einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen: gesetzliche Vorgaben, Förderung von Medienkompetenz und Anreize für Unternehmen, Sicherheit in die Architektur ihrer Dienste zu integrieren. Ein systematischer «Kinderrechts-Check» ist hierbei essenziell, um bei der Gesetzesentwicklung sicherzustellen, dass Schutzmaßnahmen nicht unbeabsichtigt Teilhabe oder Privatsphäre von Kindern einschränken. Der Schutz von Kindern kann nicht allein Eltern und Jugendlichen überlassen werden. Plattformbetreiber tragen die Hauptverantwortung. Effektiver Schutz beginnt dort, wo Risiken entstehen. Dienste müssen so gestaltet sein, dass sie Kinder durch ihr Design nicht zum langen Verweilen verleiten oder problematische Inhalte verstärken. Sicherheit im digitalen Raum wird nicht erreicht, indem man Kinder ausschließt, sondern indem man die Plattformen anders aufbaut.