Viele Männer fühlen sich durch die Anschuldigungen von Collien Fernandes, ihrem Ex-Mann hätten über Jahre hinweg Fake-Accounts für entwürdigende Sex-Chats genutzt, angegriffen. Diese Reaktion ist bemerkenswert, da solche Taten nicht die Regel sind. Die Moderatorin erhält trotz Solidaritätsbekundungen auch massiven Hass und muss sich unter Polizeischutz begeben, nachdem sie Morddrohungen erhielt.
Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger von der Universität Bern erklärt gegenüber Nau.ch, dass diese Reaktionen vor dem Hintergrund einer strukturell verankerten männlichen Dominanz gesehen werden müssen. Ulmen selbst hat bislang keine Stellung bezogen, jedoch einem Strafverteidiger mitgeteilt, einen sexuellen Fetisch entwickelt zu haben.
Amlinger nennt vier Schlüsselfaktoren, die diese Wut erklären könnten: Erstens ist der gesellschaftliche Wandel hin zur Gleichstellung ein Grund für Gefühle des Statusverlustes bei Männern. In der Vergangenheit standen viele Privilegien einfach aufgrund des Geschlechts zu. Zweitens führt die veränderte gesetzliche Lage, wie das Ende der Straflosigkeit von Ehegattenvergewaltigung 1992, bei einigen Männern zu diffusen Verlustängsten.
Der dritte Punkt ist die Identitätsbedrohung. Viele Männer fühlen sich persönlich angegriffen, wenn männliches strafrechtlich relevantes Verhalten geahndet wird. Sie empfinden es als Widerspruch zu ihrer moralischen Selbstwahrnehmung. Der vierte Faktor ist das Gefühl der Überführung: Viele Männer kennen Situationen, in denen sie Grenzen überschritten oder nicht eingegriffen haben.
Rund jede vierte Frau erlebt in der Schweiz sexualisierte Gewalt, meist von Männern. Diese hohe Betroffenenzahl zeigt, dass es sich um ein weit verbreitetes Problem handelt, was viele Täter impliziert. Der öffentliche Aufschrei im Fall Fernandes ist für Komplizen unangenehm und führt zu Abwehrreaktionen.
Roland Limacher von der Luzerner Fachstelle Agredis betont, dass auch sachliche Kritik an Männergewalt bei einigen Männern Abwehr auslösen kann. In seiner Beratung erlebt er oft Ängste und Unsicherheiten hinter diesen Reaktionen, nicht unbedingt eigene Gewalthandlungen.
Limacher weist darauf hin, dass Wut oft als einfacherer Ausweg als verletzlichere Emotionen wie Ohnmacht oder Scham genutzt wird. In der Beratung geht es darum, Männern zu helfen, ihre eigenen Emotionen und Bedürfnisse wahrzunehmen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, um Gewalt zu vermeiden.