Die 10-Millionen-Initiative will weniger Druck auf Infrastruktur und Wohnraum, indem sie das Wirtschaftswachstum reduziert. Doch was bedeutet dieses Ziel für die Schweiz? Eine SRG-Umfrage zeigt: 47 Prozent der Stimmberechtigten unterstützen die Initiative, während genau so viele dagegen sind; 6 Prozent bleiben unentschlossen.
Die Debatte hat sich zu einer grundsätzlichen Diskussion darüber entwickelt, wie viel Wirtschaftswachstum das Land noch akzeptieren kann. Befürworter argumentieren, dass eine stagnierende Bevölkerung zwar die wirtschaftliche Dynamik mindert, jedoch den Druck auf Infrastruktur und Wohnraum verringert und somit die Lebensqualität steigert. Doch ist so eine Steuerung der Gesellschaft wirklich möglich?
Mathias Binswanger, ein Ökonom, der sich mit Wachstumsbegrenzungen auseinandersetzt, betont: „Wir können die Wirtschaft nicht einfach stoppen und nur auf Lebensqualität setzen. Ein gewisses Wachstum ist für moderne Gesellschaften unerlässlich.“ Dies liegt in der Natur marktwirtschaftlicher Systeme; ohne nennenswertes Wachstum haben solche Gesellschaften zuletzt vor Jahrhunderten existiert – im Mittelalter, als Geldschöpfung und soziale Mobilität fehlten.
Mit der Industrialisierung begann eine neue Ära von Geldschöpfung, Wettbewerb und technologischem Fortschritt. Diese Dynamik bildet die Grundlage für moderne Staaten, deren Versprechen nicht mehr nur auf Gottes Segen beruht, sondern auf Wohlstand und sozialen Aufstieg. Nach Binswanger ist es eine Frage von „Wachstum oder Schrumpfung“; wer auf dem wirtschaftlichen Laufband stehen bleibt, fällt zurück.
In der Schweiz zeigt sich diese Dynamik: Bevölkerungswachstum treibt die Wirtschaft an. Laut Sotomos Stadt-Land-Monitor 2025 fühlen Bewohner von Gemeinden mit starkem Wachstum ihre Lebensqualität gestiegen, während Stagnation oder Schrumpfung Unzufriedenheit fördert.
Die gesellschaftliche Wahrnehmung ist widersprüchlich: Bevölkerungswachstum wird als lebensfördernd angesehen, jedoch auch abgelehnt. Simon Stückelberger von Sotomo erklärt, dass die negativen Auswirkungen wie steigende Mieten und überfüllte Verkehrsmittel direkter wahrgenommen werden als die positiven Effekte des Wachstums – mehr Innovation, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.
Ein weiteres Problem ist das Gefühl vieler Schweizer, nicht vom Fortschritt zu profitieren. Das BIP pro Einwohner wächst langsamer als das GesamtbIP. Laut Binswanger führt dies zu dem Gefühl, dass mehr Arbeit und mehr Menschen keinen größeren Wohlstand bedeuten.
Eine totale Begrenzung der Zuwanderung löst dieses Problem nicht; die positiven Effekte des durch Migration getriebenen Produktionszuwachses gehen verloren. Um dies auszugleichen, müsste die Arbeitsproduktivität pro Kopf steigen. Binswanger betont, dass ein gewisser Kompromiss möglich ist, doch ohne Zuwanderung geht es nicht.
Die entscheidende Frage ist weniger, ob eine Volkswirtschaft wachsen soll, sondern wie und in welchem Tempo. Die Schweiz muss ihren eigenen Rhythmus finden.