In der Inszenierung von «Maniac» am Zürcher Schauspielhaus hat John von Neumann als Symbolfigur einer übermächtigen Wissenschaft Bedeutung erlangt. Sind Physiker Helden oder Dämonen? Lange genossen sie Ruhm und Ehre. Albert Einstein war nicht nur ein Genie, sondern auch ein Symbol politischer Integrität durch seinen Pazifismus. Auch J. Robert Oppenheimer, der die Atombombe entwickelte und gleichzeitig vor ihren Gefahren warnte, wird in Christopher Nolans Biopic als moralische Instanz dargestellt.
Im Gegensatz dazu zeigt der chilenische Schriftsteller Benjamin Labatut mit «Maniac», einem historisch-dokumentarischen Roman, der von Calixto Bieito für das Zürcher Schauspielhaus adaptiert wurde, Physiker als selbstherrliche und verantwortungslose Männer. Sie agieren gottgleich, doch ihre Entdeckungen bringen Wahnsinn mit sich. Diese Ambivalenz wird im ersten Teil durch die Darstellung von Paul Ehrenfest beleuchtet, der in den 1930er Jahren an seiner wissenschaftlichen Grundlage zweifelte und unter Depressionen litt.
Der zweite Teil des Abends widmet sich John von Neumann, einem jüdischen Physiker, der vor dem Faschismus in die USA floh. Er wird als brillanter aber gefährlicher Wissenschafter charakterisiert, dessen «Maniac»-Computer nicht nur bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe half, sondern auch künstliche Intelligenz vorantrieb. Unter Bieitos Regie erscheint er jedoch als kümmerliche Figur, die an Krebs im Spitalbett stirbt und mit dem Tod ringt.
Von Neumanns Errungenschaften werden von seinen Kollegen Eugene Wigner und Richard Feynman beschrieben. Sie entwickelten apokalyptische Waffen aus reiner Machbarkeitsfreude, trotz der erwarteten katastrophalen Folgen. Von Neumann selbst zerbricht unter dem Druck seiner Hybris und die Isolation zerrüttet sein Familienleben.
Das Stück besteht hauptsächlich aus Berichten und Monologen, was es für das Publikum schwer macht, den Redenden zu folgen. Die Inszenierung lebt von Teamarbeit anstelle individueller Leistungen. Das neunzigminütige Drama malt ein dystopisches Bild der Zukunft, in dem besessene Wissenschafter und eine übermächtige künstliche Intelligenz die Menschheit bedrohen.
In der abschließenden Episode zeigt sich die Auswirkung der KI durch das Go-Spiel. Ursprünglich entworfen, um einen diabolischen Sohn zu bändigen, wird diese mythische Partie in die Gegenwart übertragen: ein Kampf zwischen Mensch und Computer, wie bei dem berühmten Turnier 2016 zwischen Lee Sedol und Alphago. Der Sieg des Computers lässt das Schicksal der Menschheit fraglich erscheinen.