Die Zürcher Freisinnigen sollten jetzt, statt irgendwann später, wieder zwei Sitze in der Regierung anstreben. Derzeit können sie nur gewinnen.
Nur wenige Wochen zuvor präsentierte sich die FDP im linken Zürich bei den Stadtratswahlen mit Selbstbewusstsein. Drei Freisinnige kandidierten, darunter Parteipräsident Përparim Avdili für das Stadtpräsidium. Sein unkonventioneller Wahlkampf in sozialen Medien und auf Plakaten war lange Zeit ein Gesprächsthema.
Trotz eines verlorenen Stadtratssitzes zeigte die FDP einen Hunger nach mehr, was den Versuch verdeutlichte, am Status quo zu rütteln. Sie trat für ihre Werte ein, auch wenn der Erfolg ungewiss war.
Für die kommenden Regierungsratswahlen im Frühjahr zeigt die kantonale FDP jedoch Zurückhaltung: Nur Andri Silberschmidt, ihr erfolgreicher Nationalrat, wird nominiert. Diese Entscheidung fiel am Montag.
Silberschmidts Kandidatur ist keine Überraschung; er hatte sich bereits vorbereitet. Dass die FDP jedoch auf den Rückgewinn des zweiten Sitzes verzichtet, den sie 2019 verloren hat, ist überraschend und ein strategischer Fehler.
Dabei geht es nicht nur um politische Eitelkeiten oder die Größe der freisinnigen Delegation. Vielmehr steht die bürgerliche Mehrheit auf dem Spiel: Zwei SVPler, ein Mitte-Vertreter und ein FDP-Mitglied halten vier von sieben Sitzen im Regierungsrat. Der Verlust eines dieser Sitze könnte die Regierungskoalition nach links verschieben.
Mit nur einer Kandidatur signalisiert die FDP ihren Partnern, dass sie nicht mehr als das Minimum beisteuert. Ein Personalproblem scheint vorhanden zu sein, was die SVP möglicherweise dazu veranlassen könnte, ebenfalls mit drei Kandidaten anzutreten.
Die FDP hat zwar angekündigt, langfristig eine Doppelvertretung anzustreben und bei einer Vakanz ausserhalb der bürgerlichen Parteien zu kandidieren. Dies bezieht sich möglicherweise auf den Rücktritt von Mario Fehr. Jedoch ist unklar, wann dieser eintrifft.
Besonders erstaunlich ist die Zurückhaltung der FDP, da sie in jüngsten Kommunalwahlen durchaus erfolgreich war: Sie gewann das Stadtpräsidium in Wädenswil und Adliswil und holte einen Sitz von der GLP in Dübendorf zurück. Thalwil bleibt eine freisinnige Bastion.
Obwohl es pragmatisch erscheinen mag, nur mit einer vielversprechenden Kandidatur anzutreten, ist diese Entscheidung dennoch bemerkenswert vorsichtig. Die Partei könnte im Juni diesen Beschluss noch überdenken. Einiges zu verlieren hat sie nicht.