Rahel Hubacher, die als Ensemblepsychologin am Zürcher Schauspielhaus tätig ist, führt ihre Beratungsgespräche flexibel, nicht nur in festgelegten Sprechstunden. Sie begleitet das Ensemble oft während des Übergangs von einer Probe zur nächsten. Als ausgebildete Psychologin und Schauspielerin bringt sie eine einzigartige Doppelrolle mit sich: “Ich bin vollständig in die Theaterstrukturen integriert, was es mir ermöglicht, in Momenten präsent zu sein, wo externe Psychologinnen vielleicht nicht zur Verfügung stehen,” erläutert Hubacher. Sie legt Wert darauf, vor jedem Gespräch ihre Funktion zu klären: “Ich frage immer, ob ich als Kollegin oder in meiner psychologischen Rolle angesprochen werde.” Das Wichtigste sei der Schutz der Privatsphäre und das Einhalten der Schweigepflicht. Hubacher verfügt über ein Netzwerk von Fachpersonen zur Unterstützung bei persönlichen Problemen.
Hubacher, die in Bannwil im Kanton Bern aufwuchs, entdeckte nach ihrer Ausbildung als Goldschmiedin in New York ihre Leidenschaft für das Theater. Sie studierte von 1998 bis 2002 an der Zürcher Hochschule für Künste und arbeitete anschließend am Theater Basel sowie am Neumarkt-Theater in Zürich. Seit 2010 ist sie freischaffende Schauspielerin und trat unter anderem in den Filmen “Herbstzeitlosen” und der Komödie “Achtung, fertig, WK!” auf.
Seit Sommer hat Hubacher als erste Ensemblepsychologin im deutschsprachigen Raum ihre Position am Zürcher Schauspielhaus angetreten. Ihre Arbeit konzentriert sich darauf, Probleme frühzeitig zu erkennen und anzugehen. Die Gespräche umfassen Themen, die sowohl in der Theaterwelt als auch darüber hinaus von Bedeutung sind. “Die Fähigkeit zur Empathie ist für Schauspielerinnen und Schauspieler essentiell,” sagt Hubacher. Jedoch könne diese Stärke auch Nachteile haben, wenn beispielsweise längere Proben oder das Einspringen für erkrankte Kollegen die Belastbarkeitsgrenzen erreichen.
Das Pilotprojekt der Ensemblepsychologin steht vor Herausforderungen durch den intensiven Theateralltag. Da am Schauspielhaus Zürich oft mehrere Stücke gleichzeitig laufen, ist es schwierig, alle Beteiligten nach einer Aufführung zu versammeln. Oft sind die Protagonisten bereits in den Proben für andere Produktionen engagiert. “Manchmal müssen Dinge stehenbleiben,” so Hubacher: “Wir wissen, dass wir in ein paar Monaten dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben.”
Das Pilotprojekt läuft weiter und wird derzeit evaluiert. Auch andere Theater zeigen Interesse an diesem Konzept. Der Austausch mit anderen Häusern ist im Gange, wie Hubacher betont: “Es wäre großartig, wenn diese interne Anlaufstelle auch andernorts Teil der Betriebsstrukturen wird – ähnlich einer Human-Resources-Stelle.”