Die aktuellen Engpässe im Erdöltransport am Golf spiegeln sich nicht unbedingt in der Preisentwicklung von Brent wider. Iran setzt mit seinem Mautsystem Druck auf den Petrodollar aus. Laut Morgan Stanley ist die aktuelle Lage am Ölmarkt zweimal so kritisch wie während der Suezkrise 1956, als Großbritannien und Frankreich versuchten, die strategische Wasserstraße militärisch zurückzuerobern. Kairo blockierte daraufhin die Schifffahrt im Nadelöhr, was Europa stark beeinträchtigte. Seit dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar hat sich der Brent-Preis um etwa 50 Prozent erhöht und bewegt sich aktuell bei rund 110 Dollar pro Fass. Dies ist ein deutlicher Anstieg, jedoch unterhalb der Spitzenwerte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Ein Grund zur Entwarnung? Keineswegs. Obwohl Brent als Wirtschaftsbarometer gilt, spiegelt sein aktueller Preis wahrscheinlich nicht den vollen Ernst der Lage wider. Logistische Herausforderungen beim globalen Rohstofftransport und komplexe Derivatemärkte sind hierfür verantwortlich. Donald Trump kann zwar durch seine sozialen Medien den Ölpreis kurzfristig beeinflussen, doch das hilft wenig, wenn die Lieferungen tatsächlich ausbleiben. Brent ist der Referenzpreis für leichtes und schwefelarmes Nordseerohöl. Schwefelreichere Sorten, hauptsächlich aus dem Persischen Golf, sind besonders gefragt in Ländern wie China oder Indien. Infolge des Nahostkonflikts und der Sperrung der Straße von Hormuz nehmen die Lieferausfälle zu. Rystad Energy schätzt, dass rund 25 Milliarden Dollar zur Instandsetzung beschädigter Anlagen nötig sind. Katar verliert bis Jahresende etwa 37 Prozent seiner Flüssigerdgas- und Kondensatproduktion. Globale Öl- und Erdgaslieferungen fallen um circa 20 Prozent, besonders mittelschwere und schwere Sorten aus den Golfstaaten fehlen. Dies führt zu Engpässen bei Produkten wie Diesel oder Dünger in Asien, die sich auf Europa und andere Regionen ausweiten könnten. Die europäischen Raffinerien im Mittelmeerraum stehen vor Herausforderungen, da sie wegen Sanktionen gegen russisches Öl zu irakischem Öl gewechselt hatten, das nun ebenfalls knapp wird. Nachschub ist erst wieder möglich, wenn die Straße von Hormuz freigegeben wird. Iran plant ein Mautsystem für sichere Schifffahrten in der Straße von Hormuz, bei dem in Yuan bezahlt wird. Dies könnte das Petrodollar-System unterminieren, da westliche Unternehmen aufgrund von Sanktionen kaum mit iranischen Einheiten Geschäfte machen werden. Brent ist ein Terminpreis und zeigt an, was Anleger für zukünftige Lieferungen heute zahlen würden. Spekulationen beeinflussen kurzfristig seine Preiskurve. Die Notenbanken hatten nach der Pandemie Schwierigkeiten mit ihrer Inflationsprognose auf Basis dieser Kurve. Die OECD geht von einem Anstieg der Inflation in Industrieländern aus, trotz des Rückgangs in der Brent-Kurve für zukünftige Lieferungen. Die Suezkrise beendete das Zeitalter britischer und französischer Großmachtstellung; die aktuelle Krise könnte ähnliche weitreichende Konsequenzen haben.