Könnte der Konflikt im Nahen Osten den Tradern ähnliche Rekordgewinne bescheren wie die Ukraine-Krise? Eine Garantie dafür gibt es nicht, da Händler sich durch Milliardenkredite absichern mussten. Für einen Erdölhändler können unerwartet stark steigende Ölpreise gefährlich sein. Mit dem Beginn des Angriffs der USA und Israels auf den Iran Ende Februar verteuerte sich Rohöl sprunghaft, was für viele Händler zu einem Risiko wurde – insbesondere jene mit Sitz in der Schweiz.
Auch sieben Wochen nach Kriegsbeginn sind sich die Experten aus Genf und Zug nicht sicher: Bringt dieser Schock auf den Energiemärkten hohe Gewinne oder nur Probleme? Eine mögliche Blockade der Straße von Hormuz, durch die ein Fünftel des gehandelten Erdöls und verflüssigten Erdgases (LNG) transportiert wird, ist eine Krise besonderer Art. Ihre Unberechenbarkeit macht sie besonders herausfordernd: Iran kündigte Freitags an, Handelsschiffe wieder passieren zu lassen, hob die Entscheidung aber Samstag schon wieder auf.
Währenddessen sicherten sich viele Händler gegen Verluste ab. Trafigura, einer der weltgrößten Akteure mit Sitz in Genf, erhielt im März eine Kreditlinie von 3 Milliarden Dollar als „Liquiditätspuffer in Zeiten erhöhter Preisschwankungen“, wie das Unternehmen bekannt gab. Auch Vitol und Gunvor sicherten sich zusätzliche Kredite über jeweils 3 bzw. rund 1 Milliarde Dollar.
Händler, die eine Ladung Öl an Kunden verkaufen, tun dies oft zu einem zukünftigen Marktpreis und sichern sich gleichzeitig ab – eine Strategie, die normalerweise einen fixen Gewinn garantiert. Doch bei stark steigenden Preisen fordern Börsen höhere Sicherheiten ein, was existenzbedrohend sein kann.
Im Februar gingen viele Unternehmen von stabilen oder sinkenden Preisen aus. Mit dem Krieg passierte das Gegenteil und die neuen Kredite sind eine Vorsichtsmaßnahme: Trafigura berichtet, sie seien als Rückversicherung gedacht und zeigen vorsichtiges Risikomanagement.
Nach den Erfahrungen aus der Ukraine-Krise haben viele Unternehmen ihre Bilanzen gestärkt, um solche Situationen besser bewältigen zu können. Alexander Franke von Oliver Wyman sagt: „Die gegenwärtige Lage ist herausfordernd, aber nicht so bedrohlich wie damals.“
Während der Ukraine-Krise war Öl teurer als im Iran-Konflikt – überraschend für viele, da die Probleme jetzt größer sind. Wichtigste Produzentenregionen könnten längere Zeit ausfallen und einige Händler haben Lieferverpflichtungen nicht erfüllen können oder mussten höhere Preise zahlen.
BP meldete kürzlich ein „aussergewöhnliches“ Ergebnis im Ölhandel für das erste Quartal. Shell berichtet von einer um 20% erhöhten Gewinnmarge, während Total Produktionsausfälle beklagt, die durch höhere Preise ausgeglichen wurden.
Die Baader Bank sieht Glencore als potenziellen Gewinner des Konflikts – vor allem wegen seiner Kohlegeschäfte. Analysten erwarten steigende Kohlepreise, da LNG teurer wird und Länder auf Kohle ausweichen könnten. Die Volatilität ist ein Problem: „Volatilität kann nützlich sein, aber in diesem Fall schwer zu prognostizieren“, sagt Alexander Franke.
Die Branche erlebt Verwerfungen wie nie zuvor – so kaufte ein Kunde aus Thailand Notfall-Öl und schickt einen kleinen Tanker um die halbe Welt. Die Händler leiden unter Erschöpfung, da sie ständig über den Konfliktverlauf informiert bleiben müssen.