Iryna Fingerova, eine ukrainische Jüdin um die dreissig, Mutter einer kleinen Tochter und Hausärztin, beschreibt in ihrem Roman “Zugwind” ihre Erfahrungen als Autorin und Migrantin in Deutschland. Ihre Protagonistin Mira Zehmann verlässt vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ihre Heimatstadt Odessa, um in Deutschland zu arbeiten – ein Schicksal, das Fingerovas eigener Lebenssituation sehr ähnelt.
Mira erlebt einen “Zugwind” am 24. Februar 2022, der tief in ihr Inneres vordringt und sie mit dem Krieg konfrontiert, während sie sich bemüht, als Ärztin den ukrainischen Geflüchteten zu helfen. Diese Situation bringt ihre eigene Identität und Lebensfreude ins Wanken. Doch aus dieser Herausforderung entwickelt Mira die Überzeugung, dass jeder Moment des Glücks in einem Manifest der Freude zum Ausdruck gebracht werden sollte.
Trotz des Krieges bleibt Mira optimistisch und unternimmt alles, um den Alltag zu bewältigen: Sie kümmert sich um ihre Familie, pflegt ihren Beruf und besucht geliebte Menschen in Odessa. Dabei reflektiert sie über die Bedeutung von Heimat und Identität, insbesondere als odessitische Jüdin.
Fingerovas Roman ist geprägt von einer Mischung aus Humor und Melancholie, Klugheit und Emotionalität. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der Odessaer Topografie, die trotz kriegerischer Zerstörungen in leuchtendem Licht erscheint. Erzählt wird eine Geschichte voller Lachen und Weinen, Streitigkeiten über Politik und Dichtung, Gesang und Kochen.
Das Buch zeigt auf, dass im Angesicht der Herausforderungen des Lebens die Freude und das Engagement für das Leben essentiell sind. Iryna Fingerovas Erzählstil fesselt den Leser mit lebendigen Dialogen und Szenen, die zeigen, wie Mira sich unerschrocken gegen die “Zugwinde” des Lebens stellt.
Iryna Fingerova: Zugwind. Roman. Aus dem Ukrainischen von Jakob Walosczyk. Verlag Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2026. 301 S., Fr. 36.90.