Mit einer tiefen Intensität beschreibt Gabriella Zalapì die ausweglose Situation eines Mädchens, das von ihrem Vater auf eine Irrfahrt durch Italien genommen wird. Der vielfach ausgezeichnete Roman erscheint nun in deutscher Sprache.
Ilaria, acht Jahre alt, folgt ihrem Vater, als er sie aus der Schule abholt. Sie hätte eigentlich ihre Schwester erwarten sollen, aber der Vater behauptet, diese komme später. So beginnt die Fahrt von Genf nach Süden durch das Aostatal. Die kleine Ilaria ahnt bald, dass etwas nicht stimmt: Der Vater hält in einer Telefonzelle an und fuchtelt mit den Armen herum, bevor er nervös weiterfährt. Zwei Jahre lang wird sie ihre Familie nicht sehen.
Zalapìs dritter Roman «Ilaria» schildert die ungewöhnliche Reise – keine harmlose Tour, sondern eine Entführung. Ilaria, auf dem Beifahrersitz sitzend, ist das Pfand für den Vater, der seine Frau erpresst, damit sie zu ihm zurückkehrt. Doch sein Plan scheitert. Ohne Erklärungen treibt er durch Italien und lässt die Leserin genauso im Dunkeln wie seine Tochter.
Die Geschichte wird aus Ilarias Ich-Perspektive erzählt. Zunächst vertraut sie ihrem Vater, beobachtet jedoch genau ihre Umgebung: die Ledersitze im Auto, die Pausen in Autogrills und Bars, die neuen Kleider und den Teddybär. Auch seine Telefonate beobachtet sie aufmerksam. Die Telefonkabinen sieht sie als Käfige zwischen drei Welten: Mama, Papa und die Autobahn.
Im Laufe der Reise hören Vater und Tochter Radio, das ihre Bedenken vorübergehend überdeckt. Sie lauschen Liedern von Ornella Vanoni und Giorgio Gaber sowie Nachrichten vom Mord an Staatsanwalt Mario Amato im Juli 1980. So entsteht ein Bild der «anni di piombo», den bleiernen Jahren in Italien. Ilaria ringt mit Loyalität zu ihrem Vater und wachsender Furcht.
Zalapìs lakonischer Stil fängt Gesten und Objekte ein, während er die kindliche Wahrnehmung lebendig macht. In dieser unübersichtlichen Situation erschafft sich Ilaria ihre eigene innere Welt, eine Intensität, die Zalapì durch sprachliche Arbeit erreicht. Ihre eigene Kindheitsentführung fließt in diese Erzählweise ein.
Zalapì betont, dass das autobiografische Element nicht im Vordergrund steht: «Ilaria» sei ein Roman. Der Anstoß, dieses Buch zu schreiben, kam, als sie Rilkes «Briefe an einen jungen Dichter» in einem Podcast hörte und sich fragte, ob es eine Geschichte gibt, die nur sie erzählen kann.
Gabriella Zalapì: Ilaria. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. Suhrkamp 2026. 162 S.