Der Münchner Autor David Vajda präsentiert in seinem ersten Roman eine postjugoslawische Familiengeschichte und stellt die Frage, wie Künstler mit Tragödien umgehen. Mit dem Werk erweist sich der 36-jährige als Glücksfall für die deutschsprachige Literatur, besonders für jene, die von aktueller Politprosa oder formelhaften Themen gelangweilt sind. Vajda hat Jahre an diesem rund 170-seitigen Roman gearbeitet und schafft es, ernsthafte Literatur zu bieten.
Im Zentrum von «Diamanten» steht der Erzähler Dudi sowie seine Geschwister Ada und Benny, die vom jugoslawischen Vater so genannt wurden. Der Vater, liebevoll und etwas ungeschickt, trägt den Spitznamen «Zampano». Die Mutter, an einem Hirntumor erkrankt, ist nicht mehr da – eine tragische Wende, die das Buch einleitet.
Die Bohème-Familie wird durch Ada, der Installationskünstlerin, und Benny, dem melancholischen Filmfan, repräsentiert. Dudi arbeitet an einem Spielfilm über Junkies mit einer österreichischen Firma. Der Vater, ehemals erfolgreicher Regisseur, hat sich nach Belgrad zurückgezogen. Die Frage, ob Künstler anders mit Tragödien umgehen, schwebt im Hintergrund.
Der Roman verzichtet auf eine klassische Handlung und springt zwischen Zeitebenen und Orten. Er erzählt vom Leben vor und nach dem Tod der Mutter sowie von Treffen an verschiedenen Schauplätzen wie Titos Grab oder einer Hochzeit in Griechenland. Die Geschwister, geplagt von Schuldgefühlen über die Behandlung ihrer Mutter, versuchen trotzdem zusammenzuhalten.
Dudi, eine moderne Byronsche Figur, ist der faszinierendste Charakter. Seine emotionale Abgestumpftheit und sein Sarkasmus verbergen eine tiefe Leere. Er entwickelt sich zum genauen Beobachter seiner Umgebung, obwohl er versucht, Distanz zu wahren.
Vajdas Stil, geprägt durch seine Erfahrung als Regisseur, erinnert an Filmkamerafahrten. Die Figuren werden durch präzise Dialoge lebendig, ähnlich wie in J.D. Salingers Werken. Vajda verbindet Komik und Tragik auf einzigartige Weise.
Ein besonders gelungener Erstling deutet entweder auf ein One-Hit-Wonder oder auf ein großes Talent hin. Bei David Vajda spricht vieles für die zweite Kategorie, was Hoffnung auf zukünftige Werke macht.
David Vajda: Diamanten. Roman. Hanser-Verlag, Berlin 2026. 176 S., Fr. 34.90.