In Kiew, das sich mitten im fünften Jahr des Krieges befindet, sind Szenen von Luxus allgegenwärtig: Vorbeifahrende edle Autos und exklusive Boutiquen, die teure Handtaschen sowie Schmuck präsentieren. Ob die Kundschaft korrupt ist oder lediglich erfolgreiche Geschäftsleute darstellt, lässt sich im Einzelnen schwer beurteilen. Doch viele Ukrainer sind überzeugt davon, dass trotz der andauernden kriegerischen Auseinandersetzung das Schmiergeld weiterhin eine bedeutende Rolle spielt.
Rückblick in den Winter: In einer düsteren und kalten Kiew hatten russische Angriffe die Strom- und Heizungsversorgung weitgehend zum Erliegen gebracht. Viele Menschen mussten sich in improvisierte Wärmezelte flüchten, um sich aufzuwärmen – darunter auch Natalia. Sie ist überzeugt: Die Energiemisere lässt sich nicht allein den Russen anlasten: “Es gibt vermögende Geschäftsleute, die Schmiergeld zahlen und danach kostenlos Strom beziehen.” Ihre Mitmenschen nicken bestätigend.
Ist die Ukraine also unrettbar korrupt? Nein, denn es gibt auch Fälle wie den Fall “Minditsch”, bei dem der Unternehmer Tymur Minditsch, ein ehemaliger Geschäftspartner des Präsidenten Selenski, beschuldigt wird, 100 Millionen Dollar aus dem Staatsunternehmen Energoatom abgezweigt zu haben. Er geriet ins Visier ukrainischer Antikorruptionsermittler und konnte fliehen, während zwei mit ihm verbundene Minister zurücktreten mussten. Auch Selenskis enger Vertrauter Andrij Jermak, der Leiter der Präsidialverwaltung, wurde seines Postens enthoben.
Semen Kryvonos, Chef des Nationalen Antikorruptionsbüros, leitet die Ermittlungen gegen mutmaßlich korrupte Freunde Selenskis. Wie viel Mut ist erforderlich, um solche hochrangigen Personen zu verfolgen? “Natürlich sind Zweifel und Ängste vorhanden”, gesteht Kryvonos. “Aber wir haben diese Emotionen überwunden, da unser Glaube an unsere Arbeit für das Wohl der Ukraine stark ist.”
Kryvonos weiß, dass er im Machtgefüge nicht nur Unterstützer findet. Im vergangenen Sommer versuchte das Parlament, die eigentlich unabhängige Antikorruptionsbehörde faktisch unter staatliche Kontrolle zu bringen. Erst nach massiven Protesten lenkte Selenski ein und stoppte das Vorhaben.
Die Ermittler agieren oft unkonventionell: Sie veröffentlichen Videos von Hausdurchsuchungen, abgehörte Gespräche oder geheime Aufnahmen. Der Krieg hat laut Kryvonos Einfluss auf die Korruption genommen. “Es gibt Branchen mit massiven finanziellen Zuwendungen wie etwa die Verteidigungsindustrie”, erläutert er. “Durch den Kriegszustand herrscht dort eine gewisse Intransparenz, was teilweise zu vermehrter Korruption führte.”
Andrii Borovyk von Transparency International beschreibt die Frontlinien zwischen Gesellschaft und Ermittlern gegen korrupte Eliteangehörige. Was bedeutet das für Präsident Selenski? “Ich bezweifle, dass Selenski persönlich korrupt ist”, so Borovyk. “Aber es gibt Personen in seinem Umfeld, die es sind.” Doch er lobt die Ermittler dafür, dass sie auch brisante Fälle nicht scheuen. “Es mag für Europäer unangenehm sein, von Korruptionsskandalen aus der Ukraine zu hören”, erklärt Borovyk. “Aber besser, wir erfahren diese Dinge durch offizielle Ermittlungen und nicht durch Journalistenrecherchen.”
Viele in Kiew sehen die Ukraine im Zweifrontenkrieg: gegen den äußeren Feind Russland – aber auch gegen eigene Landsleute, die sich trotz aller Widrigkeiten weiterhin bereichern.