Am Boden seiner zerstörten Musikschule in Teheran sitzt Hamidreza mit seinem Kamancheh, einem traditionellen iranischen Bogeninstrument. Um ihn herum liegen verkohlte Notenblätter und Schutt. In einem Video, das trotz der Internetsperren an die Öffentlichkeit gelangt, betont er: Der letzte Ton aus diesem Gebäude solle nicht von Raketen, sondern von einem Instrument kommen. Solche Szenen vermitteln einen Eindruck vom Leid der iranischen Bevölkerung in einer ungewissen Zukunft.
Auch Golschan, eine Bewohnerin Teherans, nutzt soziale Medien als ein poetisches Tagebuch. Ihre Handykamera zeigt den Himmel über der Stadt und sie behauptet: Iran sei «unverwundbar». Doch sie fügt hinzu, dass selbst der Himmel angespannt scheint – ein Spiegelbild der Sorgen der Menschen. Obwohl vorsichtig gewählt, vermitteln ihre Worte eine beklemmende Unsicherheit.
Der Konflikt zerstörte Brücken, Wohnhäuser, Spitäler und Schulen und richtete sich gezielt gegen das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. «Das Hauptziel der Angriffe war das industrialisierte Iran», erläutert Wirtschaftsökonom Hadi Kahalzadeh vom Quincy Institute. Nach seiner Analyse wurden über 20’000 Fabrikanlagen beschädigt.
Für den ohnehin angeschlagenen iranischen Arbeitsmarkt sind die Folgen katastrophal. «Die Hälfte der Stellen könnte betroffen sein», so Kahalzadeh. Besonders in der Industrie drohen Massenentlassungen; allein im Stahlsektor könnten bis zu dreieinhalb Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren.
Dies führt zu einer Kettenreaktion, die die gesamte Lieferkette betrifft: «Die Autoindustrie erhält keine Bauteile mehr, und sogar die lokale Milchproduktion ist betroffen – nicht wegen zerstörter Molkereien, sondern mangels Behältern zur Frischhaltung der Produkte», erläutert Kahalzadeh. Zudem hat die Internetsperre Millionen von Existenzen ruiniert: Online-Shops mussten schließen und Taxifahrer, die über Apps gebucht werden, verloren ihre Arbeit.
Kahalzadeh vermutet hinter den Angriffen eine gezielte US-Strategie zur Schädigung des iranischen Arbeitsmarkts. Trump habe zu Beginn der Konflikte versprochen, der iranischen Bevölkerung mit einer «Armada» zu helfen.
«Die bittere Ironie dieses Krieges», so Kahalzadeh, «besteht darin, dass die von Trump unterstützte Gruppe nun am meisten unter den Schäden leidet.”
Nach der Waffenruhe versuchte sich das Volk zu sammeln, doch viele im Iran sind besorgt über deren Dauerhaftigkeit. Diese Sorge beschreibt Farid auf Instagram: «Wir fühlen uns wie Ertrinkende, die nur kurz den Kopf aus dem Wasser heben, um Luft zu holen, bevor wir wieder untergezogen werden.”
Echo der Zeit, 21.04.2026, 18:00 Uhr