Während der Islam in den sechziger Jahren noch als exotische Religion im Nahen Osten galt, ist er heute ein fester Bestandteil des westeuropäischen Alltags. Während seine politische Dimension oft debattiert wird, bleibt sein spiritueller Kern weitgehend unbekannt. Wenn Menschen das Wort ‘Islam’ hören oder lesen, entstehen unterschiedliche Bilder im Kopf. Ähnlich wie bei einem einfachen Wort wie ‘Haus’, dessen Assoziationen je nach Person variieren können: ein kleines Haus mit Garten oder ein Hochhaus in der Stadt. Diese Vielfalt an Bildern stellt sich auch beim Islam. Handelt es sich dabei um religiöse Gesetze, das tägliche Gebet, die Gemeinschaft der Gläubigen oder eine tiefer liegende spirituelle Essenz? Die Frage nach dem geistigen Kern des Islam führt zu einer Suche nach jenem inneren Prinzip, das den Glauben im Herzen eines Menschen lebendig macht. Vielleicht liegt der Schlüssel zur Antwort nicht in Definitionen, sondern in einer Geschichte aus dem Koran: die Erzählung von Ibrahim oder Abraham, eine Figur, die Judentum, Christentum und Islam verbindet. Stellen wir uns einen jungen Mann vor, der unter einem klaren Himmel steht und nach dem hellsten Stern greift, um seinen Herrn zu finden. Doch als dieser verschwindet, erkennt Ibrahim: Dies kann nicht Gott sein. Er betrachtet den Mond und dann die Sonne – beide gehen unter. Schließlich sagt er: «Ich wende mich dem zu, der Himmel und Erde erschaffen hat» (Sure al-Anam, 6:76–79). Diese Szene symbolisiert die menschliche Sehnsucht nach dem Ewigen. Ibrahim repräsentiert die innerliche Suche, die nicht mit vollkommener Gewissheit beginnt, sondern mit Aufrichtigkeit und der Bereitschaft zu fragen. Ein arabisches Sprichwort lautet: «Der Segen ist in der Bewegung», was bedeutet, dass diese Suchbewegung zur menschlichen Natur gehört. Die Überlieferungen zeigen Ibrahims innere Reise als Ausdruck eines tiefen Verlangens nach Wahrheit. Diese Suche führt zu Erkenntnis und Nähe zum Göttlichen. Der Dialog zwischen Ibrahim und Gott, in dem er nach einem Beweis für das Leben der Toten fragt (Sure al-Bakarah 2:260), zeigt, dass Glaube eine innere Ausrichtung ist und nicht nur Zustimmung zu einer Wahrheit. Der Koran und die fünf Säulen des Islam unterstützen diese innere Dynamik. Sie verbinden Vergangenes mit Gegenwärtigem und führen den Gläubigen auf dem Weg des Glaubens zur Vollendung. Muris Begovic, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), hebt hervor, dass diese spirituelle Reise nicht im Besitz endet, sondern in einer tiefen Ausrichtung auf das Eine, was ewig ist.