Anleger zeigen sich unbesorgt, doch auf dem wichtigsten Branchentreffen der Ölhändler herrscht Besorgnis: Der Energieschock durch den Iran-Konflikt wird im Westen nicht ernst genommen. Ein Schweizer Rohstoffhändlerchef richtet seine Aufmerksamkeit nach Trumps Biorhythmus aus, dessen Handeln die Märkte stark beeinflussen kann. Seit dem Kriegsausbruch in Iran ist den Rohstoffexperten klar: Wichtiger als die blinkenden Preise auf ihren Bildschirmen ist der Moment, zu dem Donald Trump mit einem Tweet die Öl- und Gasmärkte erschüttern könnte. Dies geschieht am Rande des Financial Times Commodities Global Summit in Lausanne. “Wir müssen diese Tweets beachten. Das Weiße Haus versucht damit, die Märkte zu beruhigen”, sagte Russell Hardy, CEO von Vitol, dem größten eigenständigen Ölhändler der Welt mit Sitz in Genf. Die Lage erinnert ihn an den Irak-Angriff auf Kuwait 1990 – diesmal sei jedoch der Lieferunterbruch größer, erklärte er vor einem voll besetzten Konferenzsaal. An diesem Luxusstandort am Genfersee trifft sich die Branche zu ihrem wichtigsten Treffen. Es ist selten, dass diese verschlossenen Firmen aus der Deckung treten. Doch viele Händler fühlen sich von der Realität entfernt, wenn sie sehen, wie Aktienmärkte und Rohölpreise reagieren. Die amerikanischen Börsen nähern sich einem Rekordhoch, während der Brent-Preis unter 100 Dollar pro Fass liegt, obwohl dem Markt seit Wochen bis zu 20 Prozent des Öls und LNG fehlen. Viele Händler empfinden das als surreal: Der Finanzmarkt verkenne die Wirklichkeit, so wird argumentiert – verstärkt durch Trumps Versprechen eines baldigen Konfliktendes. So versicherte er kürzlich, dass Iran die Straße von Hormuz nicht blockieren würde, während Teheran dies bereits widerlegte. “Es ist schockierend: Die Tweets kämpfen gegen die Realität – und gewinnen”, meinte Amrita Sen vom Analysehaus Energy Aspects. Der niedrige Brent-Preis sende ein falsches Signal. Händler erleben jedoch reale Probleme: höhere Preise für Raffinerieprodukte und Knappheiten in Asien, wohin die meisten Ölprodukte aus der Golfregion exportiert werden. Der vielbeachtete Brent-Preis ist ein börsengehandelter Terminkontrakt für eine künftige Lieferung – aktuell bei rund 95 Dollar. Die Preise für zukünftigere Lieferungen sind niedriger, während der Spotpreis für sofortiges Öl über 150 Dollar liegt. Raffinierte Produkte sind in Asien noch teurer: mehr als 300 Dollar pro Fass Diesel wurden berichtet. Laut Saad Rahim von Trafigura ist das Marktverständnis vom Unterbruch verzerrt: Die Produktionseinbußen entsprechen jenen der Pandemie – damals war die Nachfrage jedoch eingebrochen. Heute besteht weiterhin großer Bedarf an Öl, was vielen nicht bewusst sei. Viele Händler sind sich einig: Ein Preisrückgang ist nötig, um die gesunkene Angebotsmenge auszugleichen – und das nur über höhere Preise. Je länger westliche Regierungen versuchen, den Effekt abzufedern, desto schwieriger wird die Anpassung. Länder mit geringerer Kaufkraft werden zunächst am stärksten betroffen sein. “Die USA fühlen sich immun, aber sie werden es nicht lange bleiben”, sagte Frederic Lasserre von Gunvor aus Genf. Eine Nachfrageanpassung setze dort noch nicht ein, da zuerst die Lager geleert würden. Bleibt die Straße von Hormuz geschlossen, könnte dies eine Rezession auslösen. Bei Erdgas ist die Anpassung schneller: Ein Preisschub in Europa war kurzlebig, während er in Asien anhält – dort wandeln sich viele Länder zur Kohleverstromung um. Die Nachfrage für das fehlende Gas sei fast vollständig verschwunden, berichtete Pablo Galante Escobar von Vitol. Doch langfristig ist dies nicht haltbar, da auch Kohlekraftwerke gewartet werden müssen und Erdgas für die Produktion anderer Produkte benötigt wird, insbesondere Dünger.