“Am Sonntag stand ich noch auf dem Fussballplatz,” erinnert sich Sascha Freiburghaus. Am darauffolgenden Montagmorgen erleidet der damals 27-Jährige während des Arbeitsweges einen Hirnschlag. Nach mehreren medizinischen Untersuchungen wird die Diagnose bestätigt, und er wird operiert sowie in Reha geschickt. Freiburghaus entwickelt eine Hemiplegie; das linke Bein und der linke Arm sind gelähmt, zudem muss er erneut sprechen lernen und gehen. Von Anfang an ist ihm klar: “Ich muss darüber reden können, sonst habe ich es nicht verarbeitet.” Sprechen über seine Erfahrung sei für ihn ein Zeichen seiner Fähigkeit gewesen, den Schicksalsschlag zu bewältigen.
Der Rückweg in sein früheres Leben gestaltet sich als anspruchsvoll. “Die Neuropsychologie war eine bedeutende Stütze zur Bewältigung dieses traumatischen Erlebnisses,” beschreibt er. Zunächst im Rollstuhl sitzend, betont er: “Jeder Tag stellte einen harten Kampf dar.” Viele Freunde und Verwandte hatten anfangs Bedenken, ihn zu besuchen. Sie fragten sich: “Kennt er mich noch? Wie ist er jetzt?” Doch sie merkten bald, dass sein Wesen unverändert geblieben war; es waren lediglich seine Bewegungsfähigkeit auf der linken Seite und einige Gewohnheiten beeinträchtigt.
Unterstützung von seinem Arbeitgeber erleichterte den Prozess. “Mein Chef sagte: Du kommst zurück zu uns, auch wenn es nur 20 Prozent sind,” erinnert sich Freiburghaus. Diese Zusage entlastete ihn enorm. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018 fasst sechs internationale Studien zusammen und zeigt die Bedeutung sozialer Unterstützung nach einem Schlaganfall auf. Wer gut unterstützt wird, kehrt eher in das soziale Leben zurück und kann Freizeitaktivitäten sowie Beruf wiederaufnehmen – entscheidend ist dabei die Passgenauigkeit der Unterstützung zu den Bedürfnissen des Betroffenen.
Drei Jahre nach dem Vorfall kehrte er ins Büro zurück. “Es war schön, wieder Teil von etwas zu sein,” sagt Freiburghaus. Dennoch fürchteten seine Kollegen, ihn überfordern zu können. Trotz dieser anfänglichen Unsicherheiten empfand er die Rückkehr als bedeutend.
Heute arbeitet der 55-Jährige halbtags in einer geschützten Werkstatt. “Ich musste einsehen, dass ich nicht mehr kann,” gesteht er. Er möchte auch Zeit für seine Partnerin und Familie haben. Freiburghaus hat zwei erwachsene Kinder.
“Ich habe mich oft gefragt, warum mir das passiert ist.” Heute glaubt er: “Ich kann anderen zeigen, dass man trotz dieser Beeinträchtigung ein normales Leben führen kann.” Er versteht jedoch auch, dass nicht jeder die gleiche Kraft aufbringen kann. Seine Familie und sein Umfeld hätten ihn stark unterstützt. “Der eigene Wille versetzt Berge,” ist seine Überzeugung.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2023 zeigt: Menschen mit körperlichen Behinderungen, die Sport treiben, berichten von einer signifikanten Verbesserung ihrer mentalen Lebensqualität im Vergleich zu nicht sporttreibenden Betroffenen. Dieser Effekt ist sowohl in Vorher-Nachher-Vergleichen als auch gegenüber Nicht-Sportlern nachweisbar.
Den Sport fand Freiburghaus als neuen Weg. Als Jugendlicher spielte er im Kader der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft, doch nach dem Hirnschlag war ihm klar: “Ich kann nicht mehr rennen, also gehe ich ins Goal.”
Heute leitet er einen Fussballverein und sagt: “Ich wüsste nicht, wo ich ohne den Sport wäre.” Im Parasport unterstützt er andere Betroffene, dafür wurde er im November 2025 mit dem “Swiss Will Power Award” geehrt. “Man muss in jeder Situation einen Weg finden, damit es weitergeht,” ist seine Devise.
“Focus” verbindet Tiefe mit Leichtigkeit. Nirgends lernt man Persönlichkeiten besser kennen. Jeden zweiten Montag um 17 Uhr als Podcast und um 20 Uhr bei Radio SRF 3.
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