Vor genau drei Jahren, am 19. März 2023, sah sich die Schweiz einer der größten Herausforderungen in ihrer jüngeren Finanzgeschichte gegenüber: Die Stabilisierung von Credit Suisse unter extremem Druck und mit unvollständigen Informationen musste erfolgen, ohne Fehler zu begehen. Die klaren Prioritäten waren der Schutz von Kunden und Steuerzahlern sowie die Aufrechterhaltung der Finanzstabilität zum geringstmöglichen wirtschaftlichen Kosten. Dieses Ziel wurde erreicht: Die Schweiz handelte entschlossen und verantwortungsbewusst. UBS spielte eine zentrale Rolle in dieser Lösung, um den Ruf unseres Landes als stabiler und verlässlicher Finanzplatz zu schützen. Seit März 2023 ermöglichten die außergewöhnlichen Bemühungen der Kollegen, Partner und Behörden aus 50 Jurisdiktionen eine hochkomplexe Integration. Mit der erfolgreichen Übertragung der letzten Schweizer Kundenkonten dieser Woche kann man nun bald den Integrationsprozess abschließen. Dieser Meilenstein markiert eine entscheidende Phase bei der Neugestaltung des Schweizer Regulierungsrahmens. Drei Jahre nach der erfolgreichen Stabilisierung geht es darum, die richtigen Lehren aus der Credit-Suisse-Krise zu ziehen. Schweizer Erfolg entsteht nicht im Rampenlicht, sondern auf Grundlage von Pragmatismus, institutioneller Disziplin und einer demokratischen Kultur, in welcher Behörden und politische Entscheidungsträger nach Krisen zuhören, reflektieren und debattieren. Die Maßnahmen des März-Wochenendes 2023 ernteten weltweit Bewunderung. Doch ein Großteil dieses Vertrauens wurde seither durch eine Regulierungsdebatte gefährdet, die sich zu sehr auf Risiken und Ängste konzentrierte statt auf eine nüchterne, faktenbasierte Analyse. Was jetzt nötig ist: Augenmaß und Selbstreflexion, nicht Panikmache. Obwohl Finanzstabilität für viele Menschen nicht zu den täglichen Sorgen zählt, bleibt ein stabiler Finanzplatz kein abstraktes Konzept. Die Auswirkungen sind greifbar: Sie betreffen die Kosten von Hypotheken, Investitionsmöglichkeiten und Einstellungsentscheidungen bei kleinen und mittleren Unternehmen sowie Planungssicherheit für Exporteure und Pensionskassen. Jede Debatte über Kapital und Regulierung muss daher auf die Dienstleistungen des Finanzsystems für die Realwirtschaft und deren Kosten abzielen. Um das Finanzsystem zu stärken, ist es wichtig, Fakten von Annahmen zu trennen und Korrekturen nicht über das Ziel hinauszuschießen. Mehrere weit verbreitete Annahmen der aktuellen Debatte bedürfen daher einer Klärung. In der Schweiz besteht aktuell keine allgemeine Kreditverknappung, obwohl die Refinanzierungskosten für Banken zugenommen haben – teilweise aufgrund strengerer Regulierungen und Liquiditätsvorschriften, was zu höheren Kosten bei der Kreditvergabe führt. Dies macht sich besonders auf dem Hypothekenmarkt und den Finanzierungsbedingungen kleiner und mittlerer Unternehmen bemerkbar. Entgegen mancher Behauptung werden höhere regulatorische Anforderungen nicht nur von Aktionären oder ausländischen Kunden getragen, sondern auch von Schweizer Kunden gespürt. Weitere Erhöhungen der Kapitalanforderungen würden den Druck auf die Kreditkosten erhöhen, sofern Reformen nicht zielgerichtet und verhältnismäßig sind. Die Schweiz sollte ein Gleichgewicht zwischen Stabilität, Wachstum und Kosten anstreben, sich weiterhin an internationalen Standards orientieren und unnötige «Swiss Finishes» vermeiden, die wirtschaftliche Kosten ohne angemessene Vorteile verursachen. Ein weiteres Missverständnis ist, dass verlustabsorbierende Instrumente wie das Additional Tier 1-Kapital international aufgegeben würden. Dies trifft nicht zu; diese Instrumente bleiben Teil des regulären Aufsichtskapitals und spielten 2023 eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung von Credit Suisse. Ohne sie wäre wohl kaum eine Bank zur Rettung bereit gewesen. Ein weiteres Missverständnis ist, dass die Umsetzung von Basel III zu einer Kapitalreduktion bei UBS führte. Tatsächlich war ein Großteil der Auswirkungen bereits seit 2016 vorhanden und erhöhte das risikogewichtete Aktivum von UBS erheblich. Selbst nach Auflösung eines konservativen Puffers stellte dies eine Nettoerhöhung des Kapitals um 14 % oder mehr als 8 Milliarden Franken dar, ohne Veränderungen im zugrunde liegenden Risiko. Es ist auch falsch zu behaupten, die Schweiz sei nicht ausreichend reguliert. Sie wendet bereits internationale Spitzenstandards für vergleichbare Aktivitäten an, insbesondere für systemrelevante Banken. Andere Länder überprüfen ihre Rahmenbedingungen, um sicherzustellen, dass Regeln zielgerichtet, verhältnismäßig und wirtschaftlich gerechtfertigt sind. Die Kernprobleme der Credit-Suisse-Krise lagen jedoch nicht in zu wenigen Regeln oder unzureichenden Kapitalanforderungen. Es waren vielmehr breit gestreute Schwächen in der Umsetzung von bestehenden Regeln, regulatorische Zugeständnisse, die die Aufsicht verwässerten, und Probleme, die nicht klar oder früh genug kommuniziert wurden. Das auf dem Spiel stehende ist weit mehr als nur das Bankwesen. Der Finanzsektor sichert Arbeitsplätze, Innovationen, Renten und Handel und trägt maßgeblich zur wirtschaftlichen Stärke der Schweiz bei. Als Konzernchef von UBS bin ich mir dieser Verantwortung sehr bewusst. Sie erfordert Demut, Transparenz und einen konstruktiven Dialog mit Politik und Gesellschaft. Drei Jahre nach der Rettung von Credit Suisse muss die Schweiz zuversichtlich in die Zukunft blicken. Dauerhafte Stabilität verlangt Augenmaß, Beständigkeit und internationale Abstimmung – keine kurzfristig beruhigenden Maßnahmen, die langfristig Widerstandsfähigkeit und Wohlstand schwächen. Stabilität und Wohlstand dürfen nie als selbstverständlich angesehen werden.