“Der Tod lässt sich nicht planen”, erklärt Conny Hartmann zu ihrer Arbeit. Oftmals ist ungewiss, was der neue Tag bringen wird; gerade diese Unvorhersehbarkeit schätzt sie an ihrem Beruf: das Detektivische, die Suche nach Zusammenhängen und die Komplexität des menschlichen Körpers.
An diesem Morgen steht eine Obduktion bevor. Ein Mann wurde tot auf dem Vorplatz eines Wohnhauses mit seinem Fahrrad gefunden. Anfangs gibt es keine Hinweise auf ein Verbrechen, doch bleiben Fragen offen, da niemand weiß, was passiert ist.
Die Obduktion soll klären, ob der Tod natürlichen Ursprungs war oder durch Unfall, Suizid oder ein Verbrechen herbeigeführt wurde. Im Mittelpunkt steht stets die Frage nach strafrechtlich relevanten Umständen oder deren Ausschluss. Auch wenn die Todesursache unklar bleibt, kann eine Obduktion erheblichen juristischen Mehrwert liefern.
Schon als Kind war Conny Hartmann leidenschaftliche Forscherin und versuchte, unter ihrem Bett Gänseeier mit einer Halogenlampe auszubrüten. Die unbefruchteten Eier erschwerten das Experiment allerdings.
Der Leichnam liegt bereits im Saal bereit. Präparator Andreas Wagner hat alles für die Obduktion vorbereitet und wird Conny Hartmann sowie einen weiteren Rechtsmediziner unterstützen, indem er die drei Körperhöhlen – Kopf, Brust, Bauch – öffnet.
Andreas Wagner hat ursprünglich Koch gelernt, was sich als nützlich erwies. Er musste in seiner Ausbildung auch viel über den Metzgerberuf lernen. “Die Organe eines Menschen sind ähnlich angeordnet wie beispielsweise bei einem Schwein”, erläutert er. Vieles hat er sich dann selbst beigebracht, da es in der Schweiz keine offizielle Ausbildung zum Präparator der Rechtsmedizin gibt.
Während der Obduktion werden die Organe einzeln begutachtet, teilweise gewogen und auf krankhafte Veränderungen untersucht. Conny Hartmann entnimmt Gewebeproben für weitere Laboranalysen zur Feststellung oder Ausschluss von Krankheiten, Verletzungen oder Vergiftungen. Auch Blut- und Urinproben können Teil der Untersuchung sein.
Schrittweise wird ein umfassendes Bild der inneren Befunde erstellt, das Aufschluss über die Todesursache geben kann. Beim aktuellen Fall bleibt bis zum Abschluss des Gutachtens die Todesursache unklar, doch lässt sich Fremdeinwirken ausschließen.
Als Andreas Wagner den Job im Institut für Rechtsmedizin annahm, waren Meinungen im Umfeld gespalten. Einige faszinierte seine Arbeit, während andere Abstand von ihm nahmen und eine negative Charakterinterpretation vermuteten. Aber jemand musste ja diesen Beruf ausüben.
Für Andreas Wagner ist es wichtig, dass die Angehörigen würdevoll Abschied nehmen können; daher wird der Körper nach der Obduktion sorgfältig zusammengenäht und für die Identifizierung vorbereitet. Für Conny Hartmann ist er unverzichtbar: Seine Erfahrung und Intuition sind für sie von unschätzbarem Wert.
Am Abend löst Conny Hartmanns Pikett-Pager Alarm aus; in einem Pflegeheim starb ein Mann plötzlich während des Essens. Die Polizei ist bereits vor Ort, um die Todesumstände zu klären. Für sie steht fest: “Jeder Mensch hat Anspruch darauf, dass genau hingeschaut wird – unabhängig von Alter, Lebenssituation oder Vorerkrankungen.”
Rechtsmedizin ist entscheidend bei hohen Dunkelziffern. Hochrechnungen gehen davon aus, dass für jedes erkannte Tötungsdelikt eines unentdeckt bleibt. Je genauer man hin- schaut, desto mehr wird sichtbar, wie zuletzt die Berichte über “Todesengel” in Pflegeheimen zeigen.
Conny Hartmann bespricht mit der Polizei den Todesverlauf und untersucht den Körper von außen. “Die Totenflecken auf dem Rücken sind eines von vier sicheren Todeszeichen”, erläutert sie. Die anderen sind die Totenstarre, Fäulnis und Verletzungen, die mit Leben unvereinbar sind.
Um den Todeszeitpunkt einzugrenzen, misst Conny Hartmann die Körperkerntemperatur, was zur Rekonstruktion der letzten Stunden beiträgt. Zwei Szenarien liegen im Raum: Entweder ein Bolustod durch Erstickung am Essen oder ein zufälliges Ereignis während des Essens, wie Herzprobleme.
Die Ergebnisse teilt die Rechtsmedizinerin mit der Staatsanwaltschaft. Da keine juristischen Konsequenzen zu erwarten sind, verzichtet diese auf eine Obduktion.
Conny Hartmanns Alltag zeigt: Rechtsmedizin ist nicht nur Routinearbeit. Die Tage sind intensiv und fordern körperliche sowie mentale Ausdauer. Doch genau diese Herausforderungen unterstreichen die Bedeutung der Rechtsmedizin: Hinschauen, wenn andere wegsehen – für Klarheit, Gerechtigkeit und Würde.
SRF 1, Mona mittendrin, 18.03.2026, 21:00 Uhr