Forscher haben herausgefunden, dass sich in einer speziellen Hirnregion von besonders leistungsfähigen Senioren unerwartet viele Nervenzellen bilden. Im Gegensatz dazu ist der Nachschub an neuen Zellen bei Demenzpatienten nahezu inexistent. Diese Erkenntnisse beleben die Debatte über Neuronenbildung im erwachsenen Gehirn neu.
Es gibt Menschen, die selbst mit 80 Jahren Einkaufslisten auswendig lernen oder beim Schachspielen bestehen können – sie werden als Super-Ager bezeichnet und weisen Hirnfunktionen auf, die denen von 50- bis 60-Jährigen entsprechen. Wissenschaftler entdecken immer häufiger, was solche Gehirne auszeichnet.
Der neueste Befund: Bei Super-Agern bilden sich auch im hohen Alter in der Hippocampusregion neue Nervenzellen. Lange Zeit galt die Annahme, dass das erwachsene Gehirn nach Abschluss des jugendlichen Aufbaus keine neuen Neuronen mehr bildet.
Orly Lazarovs Team an der University of Illinois in Chicago widerlegt diese Annahme und bestätigt frühere Kritiken. Der Hippocampus bilden kontinuierlich neue Nervenzellen, wobei etwa 0,01 Prozent davon neu sind, wie im Fachjournal «Nature» berichtet.
Die Forscher analysierten die Genaktivität und deren Verpackung in Gehirnen verschiedener Altersgruppen. Sie identifizierten drei Zelltypen: unreife Babyzellen, teilweise reife Teenagerzellen und voll ausgereifte Nervenzellen. Diese Mischung deutet auf Neubildung von Neuronen hin.
Bei älteren Probanden fanden die Wissenschaftler alle drei Zelltypen, jedoch in unterschiedlichen Mengen. Super-Ager bilden genauso viele Nervenzellen wie 50-Jährige, während bei weniger geistig aktiven Altersgenossen die Neubildung geringer ist und bei Demenz fast nicht mehr stattfindet.
Neben der höheren Menge an neuen Neuronen zeigte sich auch eine erhöhte Aktivität von Genen, die Nervenverbindungen stärken. Ein bestimmtes Molekül, das die Funktion und Überlebensfähigkeit von Nervenzellen unterstützt, ist bei Super-Agern vermehrt vorhanden.
Auch das Erbgut der erwachsenen Neuronen weist ein spezielles Verpackungsmuster auf. Dies könnte helfen, giftige Stoffwechselprodukte effizienter zu entsorgen und die Zellen gegen altersbedingte Schäden zu wappnen.
Super-Ager haben nicht nur mehr neue Nervenzellen; ihre Hippocampusregionen sind voluminöser als bei gleichaltrigen Menschen. Mehr Verbindungen im Vorderhirn, zuständig für Denkprozesse, tragen ebenfalls zur besseren Leistungsfähigkeit bei.
Ob diese Unterschiede allein auf den Neuzellennachschub zurückzuführen sind, bleibt unklar. Gerd Kempermann von der TU Dresden sieht die Neubildung von Nervenzellen als einen möglichen Schlüsselfaktor für geistige Anpassungs- und Lernfähigkeit an.
Für Jonas Frisén vom Karolinska-Institut bestätigt die Analyse die kontroverse Hypothese der Neuronenbildung im erwachsenen Gehirn. Shawn Sorrells bleibt skeptisch, da es keine eindeutigen Beweise für Zellteilung im lebenden menschlichen Gehirn gibt.
Angenommen, Neubildung von Nervenzellen ist normal und bei Alzheimer gestört, könnte das eine Ursache oder Folge der Krankheit sein. Kempermann vermutet, dass fehlende Bildung wichtige Funktionen im Hippocampus beeinträchtigt, aber es gibt weitere Ursachen für den kognitiven Verfall.
Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob und wie Neuronenbildung im Hippocampus gefördert werden kann. Obwohl Super-Ager geselliger sind und oft auch Alzheimer-Proteine tragen, scheint es, dass soziale Kontakte über Jahre hinweg eine entscheidende Rolle für ihre geistige Fitness spielen könnten.