Der Irak, einst auf dem Weg zu einer helleren Zukunft, droht durch den Krieg gegen den Iran in seine dunkle Vergangenheit zurückgeworfen zu werden. Ein aktueller Besuch in Bagdad zeigt diese Entwicklung.
Die Rashid-Strasse war einst der Stolz von Bagdad, vergleichbar mit Paris’ Champs-Élysées. Doch über die Jahre verfiel sie; alte Gebäude verloren ihren Glanz und wurden durch Lärm und Müll dominiert. Jetzt hat Iraks Premierminister Mohammed al-Sudani diese Allee revitalisiert: renovierte Häuser, eine verkehrsberuhigte Umgebung und sogar eine batteriebetriebene Straßenbahn.
Doch die neu belebte Touristenattraktion bleibt in den warmen Frühlingswochen leer. Der jüngste Kriegsausbruch zwischen Amerika und Israel gegen Iran hat den Irak erneut zu einem Frontstaat gemacht. Die beiden Länder nutzten den irakischen Luftraum für ihre Angriffe, während Iran-treue Milizen Raketen auf amerikanische Einrichtungen abfeuerten. Bagdads Regierung konnte lediglich protestieren und sah nur hilflos zu.
“Wir sind wieder in die Mitte geraten”, äußert sich Mohammed Salman, der Besitzer eines Schreibwarengeschäfts an der Rashid-Strasse. Vor teuren Kugelschreibern stehend, erklärt er: “Der Krieg macht sich bemerkbar – nicht durch Raketen, sondern durch steigende Preise.”
Salman beklagt den Rückgang seiner Geschäfte mit deutschen und japanischen Produkten. Ministerien haben ihre Bestellungen gestrichen. Der sinkende Wert der irakischen Währung verschärft die Lage noch.
Sudani hatte zuletzt viel unternommen, um Stabilität zu bringen – Straßen, Brücken und Autobahnen wurden gebaut, und er gewann bei den Parlamentswahlen eine relative Mehrheit. Doch jetzt könnte sein Lebenswerk zerbrechen. Aufgrund komplizierter politischer Verhältnisse muss Sudani möglicherweise das Amt abgeben.
Als neuer Ministerpräsident wurde Ali al-Zaidi, ein bis dahin unbekannter Unternehmer und Banker, überraschend ernannt. Ein Neuling in der irakischen Politik – wie Salman mit einem Achselzucken bestätigt.
Zaidi steht vor großen Herausforderungen. Safaa al-Assam, ein ehemaliger Generalmajor, erklärt: “Die Lage ist kompliziert, wir sind nicht nur zwischen Fronten gefangen, sondern auch handlungsunfähig.” Die mächtigen proiranischen Gruppen im Land, die nach 2003 entstanden und gegen den IS kämpften, sind heute ein Staat im Staate und schwer zu bekämpfen.
Der Irak leidet zudem unter wirtschaftlichen Folgen des Konflikts. Die Abhängigkeit vom Erdölexport wird durch die Sperrung der Straße von Hormuz strapaziert. Eine Pipeline in Richtung Türkei kann nur einen Bruchteil abwickeln, sodass das Öl nun über Syrien transportiert werden muss.
Abdelrahman al-Rashadani, ein ehemaliger Wirtschaftsberater Sudanis, berichtet von einem Defizit von vier Milliarden Dollar im letzten Monat. Die Regierung hat Mühe, Löhne zu zahlen.
Die irakische Wirtschaft leidet unter Korruption, die durch eine hohe Zahl von Staatsangestellten verschärft wird – ein Ergebnis des Einflusses der Milizen und Parteiführer. “Das ruiniert unser Land”, klagt Rashadani.
Rashadani zweifelt an Zaidis Fähigkeit, die Probleme zu lösen: “Er ist nett und erfolgreich als Unternehmer, aber politisch hat er kaum eine Chance.” Er wurde eher zufällig ins Amt berufen, während Nuri al-Maliki, ein ehemaliger Ministerpräsident und Strippenzieher, durch US-Drohungen aus dem Rennen genommen wurde.
Malikis Einfluss wird trotzdem weitergehen. Viele Iraker hoffen jedoch, dass der Krieg schnell endet. Trotz angespannter Lage ist in Bagdad das Leben in Bewegung: Autos füllen die neuen Schnellstraßen und Nachtleben pulsiert wieder. In einem neuen Klub im Viertel Mansur genießen Gäste geschmuggelten Wodka, während Musik durch den Raum hallt. Eine junge Christin meint trotzig: “Selbst während des Krieges war es voll. Hier gibt es immer noch viel Geld.”