Trotz des autoritären Kurses des Mullahregimes gab es in Iran Ansätze einer Zivilgesellschaft. Diese wurde jedoch zunehmend durch den totalitären Charakter des Staates unterdrückt, was die Gesellschaft tief traumatisierte. Donald Trump verlängerte einen Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit, was eine kurzfristige Entspannung bedeutete, aber auch seine Dringlichkeit für ein Ende des Konflikts offenbarte – im Gegensatz zum iranischen Regime, das durch den Krieg gestärkt wurde. Dieser Umstand frustriert vor allem die junge Bevölkerung Irans, die trotz ihrer Potenziale an der Machtverhärtung des Systems scheitert.
In meinem Studienjahr 1994/95 in Iran erlebte ich eine universitäre Welt, die sich von westlichen Medienberichten unterschied. Kritisches Denken war zwar theoretisch verboten, praktizierte es dennoch – beispielsweise durch das Studium westlicher Theorien wie von Karl Popper und Hannah Arendt. Akbar Gandschi, ein Soziologe und Redakteur der Zeitschrift “Kiyan”, stellte die Frage nach dem Totalitarismus im Iran, was auf eine gesellschaftliche Spannung hindeutete.
Nach einer Phase der Verbotenen, kehrten diese Werke in das Curriculum zurück, offenbarend die Widersprüche des Regimes. Trotz frauenfeindlicher Gesetze blieben Frauen in Bildung und Universitäten stark vertreten. Ein Anstieg im Bildungssektor zeigt sich durch den hohen Urbanisierungsgrad von 77 Prozent (2024) und eine Erwachsenenalphabetisierung von etwa 93 Prozent.
Die Reformbemühungen unter Präsident Mohammad Khatami, der 1997 gewählt wurde, fanden starken Zuspruch in der Bevölkerung. Trotzdem scheiterten diese an den radikalen Kräften und dem religiösen Führer. Asef Bayat prägte den Begriff “Post-Islamismus”, welcher die Versöhnung von Demokratie und Islam beschrieb, jedoch hauptsächlich in urbanen Gebieten.
Gegen die Reformbemühungen standen immer wieder Proteste, angefangen bei Studentenprotesten 1999 bis zur “Frau-Leben-Freiheit”-Bewegung im Jahr 2022. Diese Bewegungen erweiterten sich auf verschiedene Bevölkerungsgruppen und endeten in einem massiven Massaker im Januar, das die Gesellschaft traumatisierte.
Mit dem Scheitern des Atomabkommens JCPOA unter Trump wurden die Revolutionswächter gestärkt und profitierten von den Sanktionen. Reformversuche scheiterten an der theokratischen Überstruktur, wie etwa beim Beitritt zur Frauenkonvention 2000.
Die Proteste haben sich nun auf die Abschaffung des Systems verlagert, nachdem das Vertrauen in innere Reformbemühungen zerstört wurde. Die jüngsten Ereignisse zeigen eine Verschiebung hin zu einer Diktatur der Revolutionswächter, welche jegliche Form zivilgesellschaftlichen Aufbegehrens unterdrückt.