Yolanda Ughini, Apothekerin aus der Region Basel, ist überzeugt von der zentralen Rolle, die Apotheken als Anlaufstellen für Opfer häuslicher Gewalt spielen können. “Wir sind niederschwellig und weit verbreitet”, betont sie. Das Vertrauensverhältnis zur Kundschaft sei ein wesentlicher Vorteil, insbesondere da viele Apotheken von Frauen geführt werden – eine Tatsache, die besonders für weibliche Opfer häuslicher Gewalt bedeutsam ist.
Der Bund verzeichnete im vergangenen Jahr einen bemerkenswerten Anstieg an Gewaltstraftaten und Tötungsdelikten. Besonders beunruhigend ist der Anstieg der Femizide, also der Morde an Frauen durch Partner oder Ex-Partner.
“Im häuslichen Bereich wurden 2025 insgesamt 34 vollendete Tötungsdelikte registriert”, berichtet der Bund. Im Vorjahr waren es noch 26 gewesen. Opfer von häuslicher Gewalt sprechen jedoch selten über ihre Erlebnisse, selbst in vertrauensvollen Umgebungen wie Apotheken, erklärt Ughini. Oftmals ist das Erkennen der Betroffenen auf ein Bauchgefühl angewiesen.
Um dieser Herausforderung zu begegnen, bilden die Basler Apotheken ihre Mitarbeiter nun gezielt aus. Bereits in anderen Regionen, wie vor allem in der Westschweiz, wurden solche Schulungen eingeführt. In einer Onlineschulung werden die Angestellten auf potentielle Anzeichen häuslicher Gewalt hingewiesen und lernen, Betroffene auch ohne direkte Ansprache zu erkennen.
Zukünftig sollen Apotheken nicht nur Medikamente verkaufen, sondern ihre Kunden auch mit Informationen über Hilfsangebote versorgen. Diese Ausrichtung ist im Einklang mit den Zielen der Nichtregierungsorganisation “Brava”, die betont, dass die Fachkräfteausbildung Teil der Verpflichtungen aus der Istanbul-Konvention sei. Die Konvention, die Frauen und Mädchen vor Gewalt schützt, wurde 2018 von der Schweiz unterzeichnet.
Der Nationale Aktionsplan der Schweiz zu dieser Konvention umfasst 44 Maßnahmen, die auf Prävention, Schutz und Strafverfolgung abzielen. Julia Meier von “Brava” hebt hervor, dass es wichtig ist, Mythen über häusliche Gewalt zu entkräften.
Anne Voumard, eine Apothekerin aus Vouvry VS, berichtet von Erfolgen durch die Onlineschulung. Sie konnte mehrere Fälle häuslicher Gewalt aufdecken, indem sie betroffenen Kundinnen gezielte Fragen stellte.
Diese positiven Ergebnisse inspirieren nun auch Apotheken in der Deutschschweiz dazu, ähnliche Schulungen zu implementieren und somit einen aktiveren Beitrag im Kampf gegen häusliche Gewalt zu leisten.