Die USA versuchen erneut, den Zugang zur Strasse von Hormuz durchzusetzen und verschärfen damit die Konfliktsituation. Diese Entwicklung steigert die Anspannung auf dem Ölmarkt. Aktuell ist der Friedensprozess am Persischen Golf brüchig. Nach einer kurzlebigen Waffenruhe folgt nun erneut eine Phase erhöhter Spannungen zwischen den USA und Iran, die sich in Gefechten niederschlägt. Dies hat zu einem Anstieg der Ölpreise auf fast 120 Dollar pro Fass für Brent und über 110 Dollar für WTI geführt. In den USA sind die Aktienkurse als Reaktion auf diese Eskalation am Montag gefallen, wobei die Begeisterung für künstliche Intelligenz und Rechenzentren der Sorge um weitere Nahost-Konflikte weicht. Allerdings gab es am Dienstag eine Gegenreaktion. Ipek Ozkardeskaya von Swissquote erklärt, dass Preise zwischen 115 und 120 Dollar pro Fass Brent das knappe Angebot widerspiegeln. Überschreitet der Preis jedoch diese Marke, so sinkt auch die Nachfrage: Raffinerien und Haushalte könnten sich nicht mehr dieselben Mengen an Rohöl sowie Benzin und Diesel leisten. Am Sonntag kündigte US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social das Projekt «Projekt Freiheit» an, um Handelsschiffe durch die derzeit gesperrte Strasse von Hormuz zu lotsen. Am Montag fuhren zwei Zerstörer der amerikanischen Navy laut Centcom durch die Meerenge und ermöglichten es zwei US-Handelsschiffen, das Gebiet zu verlassen. Gleichzeitig zerstörten Kampfhubschrauber iranische Schnellboote, die Handelsschiffe bedroht hatten. Iran antwortete mit einem Angriff auf Erdölanlagen im Hafen von Fudschaira in den VAE, ein strategischer Punkt am Golf von Oman. Irans Aussenminister Abbas Araghtschi warnte vor einer Fortführung des «Projekts Freiheit», das er als «Sackgasse» bezeichnete. Die Gespräche zwischen USA und Iran über die Öffnung der Strasse von Hormuz sind festgefahren. Edward Yardeni, Wirtschaftsexperte von Yardeni Research, sieht vier mögliche Szenarien: Der Status quo könnte weiterbestehen oder es könnte zu einer Einigung kommen – was derzeit unwahrscheinlich ist. Eine militärische Öffnung der Meerenge durch die USA, bei gleichzeitiger Blockade iranischer Erdöltransporte, könnte drittens zu einem neuen Krieg führen und viertens die Energieinfrastruktur zerstören, wodurch die Ölpreise weiter steigen würden. Eine weitere Eskalation um Hormuz scheint am wahrscheinlichsten. Die hohen Ölpreise erhöhen das Risiko für die Weltwirtschaft, indem sie die Inflation in den USA und der EU anheizen. Zentralbanken reagieren bisher nicht auf steigende Preise, weil ein vorübergehender Konflikt erwartet wird. Für die Euro-Zone ist mit einem ersten Zinsschritt bei der nächsten Sitzung im Juni zu rechnen. Optimistischer sieht es Norbert Rücker von Julius Bär: Die Ölversorgung sei stabiler als befürchtet, da Schäden gering sind und alternative Routen genutzt werden. Die Nachfrage sinkt aufgrund der hohen Preise, was die Angebots-Nachfrage-Lücke auf 5 Prozent reduziert. Für den Sommer erwartet Rücker keine Versorgungsengpässe. Ohne Öffnung der Strasse von Hormuz könnten jedoch im Herbst Probleme auftreten, was zu Brent-Preisen über 150 Dollar pro Fass führen könnte – ein Szenario, das aber noch fern liegt.