Das Theaterstück “Blaupause” am Neumarkt beleuchtet die Jugendphase einer lesbischen Frau und entwickelt sich zu einem vielschichtigen Ideenmosaik. Zu Beginn des Stücks beklagen die Darstellerinnen Anouk Barakat, Miriam Japp und Lisa Ursula Tschanz das Verschwinden der Farbe Blau, symbolisch für Harmonie und Treue. Dies wird metaphorisch mit dem Verlust einer Person oder eines blauen Delfin-Schlüsselanhängers gleichgesetzt.
Im Laufe der Monologe, Dialoge und assoziativen Sprünge von “Blaupause” eröffnet sich die Vielschichtigkeit des Blaus: Es steht schließlich für lesbische Erfüllung an einem blauen See – eine Erinnerung, die in der Vergangenheit liegt. Obwohl das Finale den Saal in einer Blau-Apotheose zeigt und an eine Liebesgeschichte erinnert, bleibt ein Happy End aus; Krankheit und Tod trennen Glück von Gegenwart.
Leo Lorena Wyss hat sich für “Blaupause”, uraufgeführt am Montag im Theater Neumarkt unter der Regie von Meret Feigenwinter und Leo Lerch, von der Farbe Blau zu sprachlichen Experimenten inspirieren lassen. Der metaphorische Titel deutet auf Vorlagen, Modelle sowie Klischeevorstellungen hin.
Eine Schlüsselszene offenbart die Erwartungen an eine heranwachsende Tochter durch ein jährliches Familienfest um Tante Eva mit dreizehn neugierigen Cousinen. Diese Szene wiederholt sich rituell und zeigt die Protagonistin Tanja und ihre einsilbige Freundin, während die Darstellerinnen zopfartige Perücken tragen – ein Zeichen für veraltete familiäre Vorstellungen. Beim Gespräch über amouröse Erfahrungen wünscht sich das Mädchen in die servierten Pilzsuppe zu springen.
Ein Höhepunkt und Schwerpunkt der theatralischen Collage von Leo Lorena Wyss ist das Coming-of-Age- sowie das Comingout einer lesbischen Frau, dargestellt durch szenische Überlagerungen. Episoden wie Partys oder Küchenabenteuer erhalten nur wenig Raum.
Die tragische Liebe zwischen den Protagonistinnen bleibt unterbelichtet und kontrastiert mit dem normierten Beginn des Liebeslebens heterosexueller Frauen. Die letzte Premiere in der ersten Saison von Mathieu Bertholet ist typisch für seinen offenen Theaterstil, bei dem die Darstellerinnen keine festen Rollen haben – sie agieren als Textagentinnen und hinterfragen Klischees, jedoch mangelt es an charakterlicher Schärfe.