In Europa sind Einkaufszentren rückläufig, in Thailand jedoch ein beliebter Treffpunkt. Ein Besuch in Central World, Bangkoks größtem Shoppingcenter.
Um 9:58 Uhr nähern sich junge Frauen den Chromtüren der gewaltigen Konstruktion, die den Vorplatz überwölbt. Sie bringen Handventilatoren mit und warten seit einer Viertelstunde auf Öffnung. Bangkoks Morgenhitze bleibt wolkenlos.
Um 9:59 Uhr öffnet sich die Tür, ein Wachmann löst die Kette. Die jungen Frauen eilen hinein in den Central World, der um 10 Uhr seine Tore öffnet und bis 22 Uhr geöffnet hat. Diese Malls sind in Asien berühmt.
Bangkok zählt zahlreiche Einkaufszentren mit futuristischen Fassaden. Ein Sprichwort sagt: Man könne den gesamten Tag darin verbringen – von 10 bis 22 Uhr ist das möglich.
Die Frauen drängen zu einem Tisch im Innenhof, wo bald der Schauspieler Tle Matimun Sreeboonrueang für Tierfutter wirbt. Fans erhalten Aufkleber und können später an ihrem Platz stehen bleiben. Tle, bekannt aus Castingshows und TV-Produktionen, zieht viele Anhänger an.
Central World zieht täglich rund 120.000 Besucher an. Es umfasst über zweitausend Geschäfte auf acht Etagen. Die Entwicklung der Malls begann in den 1950er Jahren mit chinesischen Shophouses, die später amerikanische Warenhäuser wurden.
Die Central-Gruppe gehört heute der Familie Chirathivat, die auch europäische Geschäfte übernommen hat. Ein Hauptgrund für die Beliebtheit ist das Klima: In Bangkoks Hitze bieten Malls Schutz und es gibt keine Fußgängerzonen.
Menschen beobachten gern in den Malls, nutzen Rolltreppen zum Flanieren und verlieren sich im Gewusel. Europäer fragen nach dem Grund für einen Mallbesuch; Thailänder antworten oft einfach: Sie gehen dorthin.
Kunayudh Dej-Udom, Asset-Director der Central-Gruppe, erklärt den Erfolg. Er sieht die Malls als Teil des Alltags und Lebensgefühl in Bangkok. Die Anpassung an Onlinehandel führte zur Idee eines „dritten Ortes“, der keine Kaufdruck ausübt.
In Central World gibt es heute Zonen wie “Urban Balance” für Massagen oder “Little Wonder” mit Kinderprogrammen. Kunayudh stellt sich vor, dass eine Familie den Tag in der Mall beginnt und endet: Arbeit, Nachmittagsaktivitäten, Essen und Ausgehen.
Die Malls müssen immer neu wirken: Konzerte, Maskottchenparaden, neue Designer. Kunayudh reagiert schnell auf Trends. Beim Besuch von Freunden aus Europa merkt er, dass das Einkaufszentrum-Essen in Thailand normal ist.
Das Trinken im Wegwerfbecher gehört zum Erlebnis: Bubble Tea und andere Getränke sind beliebt. Die Malls murmeln vor Aktivität und Lärm. Der Literaturnobelpreisträger José Saramago thematisierte in “Das Zentrum” das Leben in einem Einkaufszentrum als eigenständige Welt.
Ein Brand 2010 verband die Menschen mit der Mall, die als wichtiger sozialer Treffpunkt gilt. Die Malls reflektieren die Dynamik und Bedürfnisse Bangkoks.
Am Abend tritt Tle auf, umarmt einen Hund und verkörpert eine androgyne Pop-Ikone. Für viele Bangkokern ist das Einkaufszentrum der Ort für Unterhaltung und Treffen. Central World schließt um 22 Uhr mit den letzten Besuchern, die auf den Rolltreppen stehen bleiben.