In ihrem neuen Album beschäftigt sich die US-amerikanische Musikerin Tori Amos intensiv mit den Herausforderungen der heutigen Zeit. Ihr Konzert in Zürich hingegen nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise zu ihren Anfangsjahren zurück.
Am Mittwochabend thront ein schwarzer Bösendorfer im Zürcher Theater 11 majestätisch über der Bühne. Dieser Flügel verleiht Tori Amos, die in einem goldglänzenden Blazer und mit roter Mähne auftritt, eine beeindruckende Präsenz. Mit selbstbewusster Haltung breitet sie ihre Arme aus, um über das weite Klavier zu greifen, wo sie jene glockenartigen Motive erklingen lässt, die viele ihrer Songs einleiten.
Während des Konzerts dreht sich Amos gelegentlich zur Seite und verrenkt ihre Beine, um mit einem Arm das E-Piano im Rücken zu bedienen. Sie singt dabei gleichzeitig auf zwei Instrumenten, was den Anschein erweckt, als beherrsche sie alle Regler der musikalischen Produktion. Ihre Band – bestehend aus Bassist, Schlagzeuger und drei Chorsängerinnen – führt Amos sicher durch das zweistündige Programm.
Die Geschlossenheit des Ensembles ist entscheidend, da es den Anschein hat, als würden Tori Amos und ihre Musiker gemeinsam gegen Drachen kämpfen. Das teuflische Getier erscheint auf Wänden und Bildschirmen überall. Der Titel ihres neuen Albums, “In Times of Dragons”, spiegelt diese Fantasy-Elemente wider, inspiriert von der Gegenwart autoritärer Führungen.
Der Song “Shush” bietet den ersten Einblick in das neue Album. Mit massiven und apokalyptischen Klängen wird eine depressive Atmosphäre geschaffen, verstärkt durch harte Beats, einen dumpfen Bass und schwere Akkorde im tiefen Piano-Bereich. Amos singt mit einer brüchigen Stimme, die gelegentlich in Rollenprosa wechselt und Zitate von Persönlichkeiten wie Peter Thiel einfließen lässt: “I no longer believe that freedom and democracy are compatible”.
Auch im Titelstück “In Times of Dragons” thematisiert Amos düstere Motive, singt über die Befreiung von einem monströsen Wesen und beschreibt dessen Rolle in einer drohenden Weltzerstörung: “They want the suffering, suffering of you and me”. Doch selbst im Refrain wird der Horror durch eine tröstliche Melodie gemildert.
Tori Amos lässt sich von Krisen nicht unterkriegen, sondern inspiriert zu prägnanten musikalischen Statements. Ihr Engagement für Feminismus und ihre Anprangerung übergriffiger Männer ist seit langem bekannt (zum Beispiel in “Silent All These Years”, 1991 und “Me and a Gun”, 1992). In “Cornflake Girl” klagte sie schon 1994 die mangelnde Solidarität unter Frauen an.
Auch in Zürich präsentiert Amos diesen Hit, um das Konzert zu beenden. Nach einem Beginn im Hier und Jetzt geht der Auftritt zurück zu den Anfängen ihrer Karriere. Lieder wie “Josephine” (1999), “Black-Dove” (1998) oder “Precious Things” (1992) zeigen eine Ähnlichkeit in ihrer Struktur: Über die treibenden Schlagzeug-Rhythmen entwickeln sich Minimal-Motive und Arpeggio-Figuren, die den Eindruck eines wilden musikalischen Stroms erwecken.
Während Amos’ Gesang früher oft kühl wirkte, klingt er nun tiefer und wärmer. Die Höhepunkte des Konzerts entstehen durch den vokalen Austausch mit dem dreistimmigen Chor, der in dichten Arrangements zwischen himmlischer Euphorie und höllischer Verzweiflung schillert.