Langjährig lernten chinesische Autohersteller von deutschen Firmen, doch nun ist die Situation umgekehrt: Volkswagen orientiert sich bei Design, Ausstattung und Vertrieb an den heimischen Wettbewerbern. Im Forschungszentrum in Hefei arbeiten Hunderte junger Ingenieure daran, VW-Software in Fahrzeugcockpits zu integrieren. Mit einem Investitionsvolumen von über 3,5 Milliarden Euro ist dieses Zentrum im Osten Chinas die neueste Front der China-Offensive von Volkswagen. Hefei, eine Stadt mit 10 Millionen Einwohnern, beherbergt Forschungslabore auf einer Fläche vergleichbar mit 15 Fußballfeldern und verfügt über weitgehend automatisierte Produktionsstraßen. Über 3000 Ingenieure aus China und Deutschland sind hier tätig, um VWs Position gegenüber den chinesischen Newcomern zu stärken. Der Konzern muss jedoch um seine Relevanz im größten Automarkt der Welt kämpfen – ein Misserfolg könnte auch deutsche Standorte gefährden. In China sind bereits mehr als die Hälfte der verkauften Autos Elektroautos, doch VW besitzt dort bei diesen Modellen nur einen Marktanteil von 1 Prozent. Der Verkauf von knapp 550.000 Fahrzeugen im ersten Quartal ist ein Rückgang um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr; die Konkurrenz erlitt zwar ähnliche Einbußen, doch VWs Mangel an Elektroautoverkäufen bereitet Sorgen. Um den Anschluss zu finden, startet Volkswagen eine Offensive mit 20 neuen Elektromodellen in diesem Jahr und weiteren zehn im nächsten. Das Design dieser Autos orientiert sich am Geschmack der chinesischen Konsumenten. Beim ID.Era 9X, einem sechs-sitzigen Van, folgt VW sogar dem Konzept des Dongfeng-Voyah. Für technische Innovationen arbeitet Volkswagen mit chinesischen Partnern wie Horizon Robotics und dem Autohersteller Xpeng zusammen, an welchem der deutsche Konzern sich beteiligt hat. Trotz dieser Bemühungen kommt das autonome Fahren nur langsam voran; während chinesische Tech-Firmen bereits in Städten fahrerlose Taxis einsetzen, erreicht VW erst Level 2 autonomes Fahren. Thomas Ulbrich von der Volkswagen Group China relativiert die Erfolge der Konkurrenz und kritisiert deren Ansatz. Dennoch zeigt sich VW beim Vertrieb anpassungsfähig: So nutzt es ähnlich wie BYD oder Geely soziale Netzwerke zur Kundenbindung. Die Beijing Auto Show im April zeigte den Willen zu Neuerungen, doch hinter vorgehaltener Hand bleibt die Erkenntnis: Diese Offensive ist vielleicht VWs letzte Chance.