Der literarische Ruhm von Anna Maria Ortese (1914–1998) beruht auf Werken wie «Iguana» (1965), «Der Hafen von Toledo» (1975) und «Die Klage des Distelfinken» (1993). Diese Romane wurden ursprünglich von der Kritik ignoriert, erlangten jedoch im Laufe der Zeit Anerkennung. Als eine der unverwechselbarsten Stimmen in der italienischen Literatur schuf Ortese Werke, die Konzentration und sprachliches Feingefühl fordern. Zwei neue Übersetzungen ihrer Bücher auf Deutsch, «Iguana» und «Himmelskörper» (1997), zeugen von ihrem literarischen Talent.
Die Friedenauer Presse hat bereits zwei ihrer Werke veröffentlicht: den Prosaband «Neapel liegt nicht am Meer» und ihren Hauptroman «Der Hafen von Toledo». Trotz der Erwähnung als Vorbild durch die Bestsellerautorin Elena Ferrante, wird Ortese in Italien mehr zitiert als gelesen. Ein Jahr vor ihrem Tod veröffentlichte sie den Sammelband «Himmelskörper», bestehend aus zwei unveröffentlichten Vorträgen und Interviews. Hier thematisiert sie ihr schweres Leben sowie ihre einzigartige Poetik und Weltsicht, die alles Lebende als Teil des «Himmelskörpers Erde» betrachtet.
Ortese betont, dass der Mensch nur eine sprechende Bestie sei, deren Schöpfung wie Buchenwald menschengemacht ist. Sie fordert, das Leben aller Wesen zu schützen und die Abschaffung des Leidens durch Literatur. Im autobiografischen Teil «Wo die Zeit eine andere ist» beschreibt sie ihr schwieriges Aufwachsen in Süditalien und Libyen.
Mit 19 Jahren veröffentlichte Ortese ihre ersten Gedichte, mit 23 ein Buch mit Erzählungen. Der Zweite Weltkrieg störte jedoch ihren literarischen Erfolg. Ihren Durchbruch erzielte sie erst 1953 mit «Neapel liegt nicht am Meer». In den folgenden Jahren arbeitete sie an sechs Romanen, von denen drei als sprachliche Meisterwerke gelten: «Iguana», «Der Hafen von Toledo» und «Die Klage des Distelfinken». Diese fanden jedoch zunächst keine Anerkennung.
In den 1980er Jahren begann eine Wiederentdeckung ihrer Werke, insbesondere nach der Neuveröffentlichung von «Iguana», was zu einem neuerlichen Interesse an ihren Romanen führte. Der Erstlingsroman «Iguana» wurde nun erneut auf Deutsch veröffentlicht und ist ein Experiment zwischen Ironie, Komik und existentiellem Leid.
Die Handlung dreht sich um eine sprechende Echse, die menschliche Gefühle empfindet. Der Roman parodiert den Literaturbetrieb der 1960er Jahre und enthält Bezüge zu Shakespeares «Sturm». Ortese verwebt groteske Figuren mit Erinnerungen an ihre Jugend in Neapel. Auch sie selbst fühlte sich wie eine Iguana im Mailand der 1960er, als magischer Realismus noch nicht populär war. Heute wird ihr Werk von Philologen aufgegriffen und ist in viele europäische Sprachen übersetzt.