Die österreichische Autorin und Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher hat mit subtilem Witz einen tiefgründigen Familienroman vorgelegt. In “Sie wollen uns erzählen” beleuchtet sie das Leben von Menschen, die mit ADHS zu kämpfen haben, und zeigt auf humorvolle Weise den Weg zur Befreiung von Ängsten.
Schon von Beginn an fesselt der Roman durch seinen ungewöhnlichen Ton und seine einzigartige Geschichte. Birnbacher gelingt es in ihrem vierten Werk, eine komplexe Familiengeschichte zu entfalten, die zunächst vertraut erscheint. Die Protagonistin Ann, eine überarbeitete und überfordernde Frau aus Salzburg, steht im Mittelpunkt des Geschehens. Trotz einer Promotion in den Sozialwissenschaften hat sie beruflich wenig erreicht. Sie pendelt von Postdoc-Stellen zu weiteren Stellen, führt eine Fernbeziehung mit ihrem Botaniker-Ehemann Chris und sieht sich Kritik ihrer Schwester Nell ausgesetzt.
Ihren Sohn Ozzy beschäftigt seine ungewöhnliche Art: Er zeigt Anzeichen von Aufmerksamkeitsdefiziten, vielleicht sogar ADHS. Ein Vorfall in der Schule bringt Ann Sorgen, als ihr Sohn einen Schulhasen versehentlich mit einem Stock tötet, was die Lehrerin zutiefst schockiert.
Ann und Ozzy bilden ein eng verbundenes Duo, geprägt von einer “knisternden Nervosität”. Auch Ann kämpft mit mangelnder Impulskontrolle, was Angst bei anderen auslöst. Als Anns Mutter Zäzilia spurlos verschwindet, bricht Ann trotz der Notwendigkeit, ihren Sohn in ein Feriencamp zu schicken, nach Goldegg auf, um sie zu suchen.
Nell hingegen verkörpert einen Lebensstil voller Nonkonformität. Sie führt eine polyamouröse Beziehung und lebt mit alternativen Freunden auf einem Bauernhof im Waldviertel. Birnbachers Erzählkunst vereint Witz mit ernsthaften Themen, wobei alle Figuren außergewöhnlich sind.
Die Suche nach Zäzilia führt schließlich zu ihrem Versteck in einem Holzhaus am Berg, wo sie ein unkonventionelles Leben ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normen lebt. Birnbacher zeigt durch die Charaktere und ihre Handlungen, wie fragil voreingenommene Meinungen sein können.
Der Roman ist geprägt von sanfter Erzählweise und Humor, der es den Figuren ermöglicht, sich von ihren Ängsten zu lösen. Birnbachers präzise Beobachtungsgabe und subtiler Witz durchziehen die Geschichte, ohne die Ernsthaftigkeit der Themen zu mindern.
Birgit Birnbacher: “Sie wollen uns erzählen.” Roman. Zsolnay-Verlag, Wien 2026. 224 S., Fr. 36.90.