Ob der individuelle Wohlstand von einer Bevölkerungszahl in der Schweiz abhängt, die bei 5 oder 20 Millionen liegt, ist fraglich. Die alternde Bevölkerung wirft die Frage auf: Sind Arbeitskräfte knapp? Reflexartig wird Zuwanderung als Lösung präsentiert, doch ist das wirklich so einfach? Unternehmen beklagen immer einen Mangel an günstigen Arbeitskräften, während es ein Überangebot für gut bezahlte und niedrig qualifizierte Jobs gibt. Anpassungen müssen sowohl auf der Seite der Arbeitnehmer als auch bei den Lohnangeboten der Arbeitgeber erfolgen.
Mit dem Rückgang des Verhältnisses zwischen erwerbstätiger Bevölkerung und Gesamtbevölkerung steigt die Nachfrage auf ein geringeres Angebot, was zu höheren Löhnen führt. Zuwanderung erhöht das Arbeitskräfteangebot und stabilisiert so den Markt. Doch statt Fachkräftemangel zu reduzieren, schafft sie mehr Arbeit durch zusätzliche Einkommen und Nachfrage nach weiterer Beschäftigung.
In der Volkswirtschaft ist die Menge an Arbeit nicht fix. Zuwanderung bedeutet einen wachsenden “Kuchen” an Arbeit. Dies belegen Schweizer Erfahrungen: Trotz hoher Nettozuwanderung bleibt der Bedarf an Fachkräften hoch. Alternativen wie mehr Arbeitsstunden oder höhere Erwerbsbeteiligung sind unrealistisch, da sie zu erhöhtem Konsum und damit zusätzlicher Nachfrage nach Arbeit führen würden.
Ohne Zuwanderung bleibt nur die Option, Löhne steigen zu lassen. Dies würde zur stärkeren Technologisierung und Automatisierung sowie zum Rückgang von Dienstleistungen wie Reparaturen und Lieferdiensten für geringwertige Güter führen. Der Tourismus würde teurer werden.
Die demografische Herausforderung ist somit auch eine Frage des Lebensstils: Wollen wir eine Schweiz als Melting-Pot oder als Technologisierungswelt? Beide Optionen können mit finanziellen Wohlstand verbunden sein, da der Durchschnittswohlstand pro Kopf nicht unbedingt von der Gesamtbevölkerungszahl abhängt. Die Herausforderung liegt darin, die kulturellen und institutionellen Stärken trotz demografischer Entwicklungen zu bewahren.
Adriel Jost, Ökonom und Präsident des Think-Tanks Liberethica, betont, dass der Wohlstand von der Funktionsweise, Organisation und Innovationsfähigkeit des Landes abhängt. Die Bewahrung dieser Aspekte wird die zentrale Herausforderung in den kommenden Jahrzehnten darstellen.