Im Herzen Neapels, an der Via Duomo 114, verbirgt sich ein Ort voller kultureller Schätze – die Biblioteca Girolamini. Während Touristen vor dem Dom stehen und Legenden über das Blut des Heiligen Gennaro hören oder sich über den Ursprung der Pizza Margherita streiten, bleibt dieses historische Juwel oft unbemerkt.
Die Stadt Neapel ist bekannt für ihre lebendige Kultur und die Überschwänglichkeit ihrer Geschichten. Eine dieser wahren Erzählungen dreht sich um kriminelle Bücherliebe und erstrahlt nun wieder in neuem Glanz: Nach jahrzehntelanger Schließung öffnete das Gebäude seine Türen für Besucher.
Antonella Cucciniello, die seit 2020 den gesamten Komplex leitet, beschreibt diesen Ort als einzigartig. Er umfasst sieben Etagen mit einer Fläche von 12 000 Quadratmetern, darunter zwei ehemalige Klöster, eine imposante Kirche und eine anstehende Gemäldesammlung aus den Barockzeiten.
Der Besuch der Sala Vico in der Bibliothek ist ein unvergessliches Erlebnis. Die Raumhöhe und die kunstvoll bemalte Decke erinnern an die Sixtinische Kapelle, während wertvolle Bücher aus allen Wissenschaftsdisziplinen die Wände zieren.
Cucciniello betont den kulturellen Reichtum der Sammlung, darunter das bedeutende Archiv barocker Kirchenmusik und die Werke des Rechtsgelehrten Giuseppe Valletta. Neapel war im 18. Jahrhundert ein intellektueller Hotspot Europas.
Die Wiedereröffnung der Bibliothek ist eine Feier für die Stadt, das Land und die westliche Kultur. Gleichzeitig werden jedoch auch schwere Zeiten aufgerufen: Das Gebäude erlitt Schäden durch Bombardements im Zweiten Weltkrieg, ein Erdbeben 1980 und einen Skandal um den damaligen Direktor Marino Massimo De Caro.
De Caro missbrauchte sein Amt und entwendete über 2500 wertvolle Werke zum Verkauf auf dem Schwarzmarkt. Seine Taten machten ihn zu einem der bekanntesten Kulturdiebe. Im Jahr 2012 wurde er verhaftet und später verurteilt.
De Caro, ein Mann ohne universitäre Ausbildung, nutzte seine Kontakte in hohe Kreise, um sich einen Namen als Buchliebhaber zu machen, obwohl er auch mit Fälschungen auffiel. Sein berüchtigstes Werk war die perfekte Nachahmung des „Sidereus Nuncius“ von Galileo Galilei.
Trotz seiner fragwürdigen Vergangenheit gelangte De Caro an die Spitze der Bibliothek, ein Umstand, der seine Verbindung zu einflussreichen Persönlichkeiten wie dem argentinischen Kardinal Jorge María Mejía offenbart.
Erst dank Tomaso Montanari und einem aufmerksamen Artikel in „Il Fatto Quotidiano“ wurden die Missstände ans Licht gebracht, was zur Verurteilung De Caros führte. Heute arbeiten Bauarbeiter an der Restaurierung des Gebäudes mit europäischen Fördermitteln. Die Biblioteca Girolamini wird systematisch digitalisiert und erneuert – ein Zeichen für Neapels unverwüstliche Lebenskraft.