Viele Iraner werfen ihren Vorfahren vor, sie hätten es zugelassen, dass die Revolution in eine Diktatur mündete. Doch stimmt dieser Vorwurf? Ein Blick auf die historischen Ereignisse zeigt: Ayatollah Khomeiny nutzte Schlüsselmomente der Revolution geschickt aus, um einen totalitären Gottesstaat zu etablieren. Die Revolution war nötig geworden, da unter dem Schah ein Land der Unterdrückung herrschte. Bahman Nirumands Werk „Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt“ beschrieb dies treffend und inspirierte sogar die 68er Bewegung. Nach der Revolution erlebte Iran eine kurze Phase der Freiheit: Zensur fiel weg, kritische Medien florierten. Menschen diskutierten hoffnungsvoll auf den Strassen über Khomeinys Versprechen einer demokratischen Zukunft. Doch seine tatsächliche Absicht war anders. Die Volksabstimmung am 30. März 1979, die zwischen Monarchie und islamischer Republik entscheiden sollte, fiel mit 98,2 Prozent für letztere aus – das Ergebnis wurde jedoch durch fehlendes Wahlgeheimnis beeinflusst. Khomeiny änderte seine Position zur Verfassung. Er schlug vor, eine Expertenversammlung solle den Entwurf weiterentwickeln und verankerte die velayat-e faqih (Herrschaft des Rechtsgelehrten) darin. Die demokratisch gesinnten Kräfte wurden nun als „Kommunisten“ diffamiert. Bei der Wahl zur Expertenversammlung am 3. August 1979 setzte sich Khomeiny durch, indem er die Geistlichen unterstützte – 55 von 72 Mitgliedern waren Geistliche. Die Opposition protestierte gegen das Vorgehen und vergeblich: Der Verfassungsentwurf wurde zugunsten der veli-e faqih geändert. Die Säuberungen begannen sofort. Khomeiny nutzte seine Autorität, um die oppositionelle Presse zu eliminieren, wie etwa durch das Verbot der Zeitung „Ayandegan“. Darauf folgte ein restriktives Pressegesetz, ähnlich dem des Schah-Regimes. Die Freiheitsrechte wurden nun an Bedingungen geknüpft, die nicht gegen islamische Prinzipien verstießen – eine vage Formulierung. Khomeiny und seine Anhänger definierten diese nach Belieben und schalteten Oppositionelle aus, von kommunistischen bis zu liberalen Kräften. Die ersten Jahre unter Khomeiny waren geprägt von Machtkonsolidierung. Ereignisse wie der Sturm auf die US-Botschaft durch Studierende am 5. November nutzte er geschickt zur Machtzementierung, obwohl er nicht direkt involviert war. Der Krieg mit dem Irak begann während einer Schwächephase Irans und brachte auch regimekritische Iraner hinter Khomeiny zusammen. Trotz innerer Machtkämpfe stabilisierte sich das System unter seiner Führung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Revolution aufgrund externer Umstände und Khomeinys Taktiken einen anderen Verlauf nahm als erwartet – eine Erklärung für den Vorwurf an Vorfahren. Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin, veröffentlichte 2023 „Iran ohne Islam: Der Aufstand gegen den Gottesstaat“.