Thomas Hettche erzählt in seinem neuen Roman ein Liebesdrama unter Menschen über 60, eingebettet in die Anfänge der Corona-Pandemie. Der Titel «Liebe» ruft Erwartungen an bedeutende literarische Werke wie «Unterwerfung», «Empörung» oder «Angst» auf. Hettche strebt danach, über den Rahmen einer Milieugeschichte hinaus universelle Aussagen zur Liebe zu treffen – ein ehrgeiziges Unterfangen. Seine Charaktere sind Boomer: eine verheiratete Frau Anfang 60 und ein geschiedener Mann. Ihre Beziehung beginnt mit einem Zufallsbegegnung an der See, entwickelt sich durch geheime Treffen und Telefonate weiter – diese Dialoge werden als Verlaufsprotokoll im Text integriert, was nach zahlreichen ähnlichen Romanen etwas abgenutzt wirkt. Die leidenschaftliche Dynamik zwischen den Figuren mündet in expliziten Sexszenen, die von der jüngeren Generation mit dem Begriff «cringe» belegt werden könnten. Hettche versucht, das Wesen der Liebe zu ergründen: «Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen. Was viel über die Liebe sagt, aber nicht, was sie ist.» Diese Definition wirkt rätselhaft und lässt Fragen offen über das Wesen der Liebe. Im Roman werden auch Philosophen wie Hegel und Platon herangezogen, passend zur halbgebildeten Upper-Middle-Class-Umgebung der Protagonisten. Doch die kursiv gesetzten Passagen aus Hegels Schriften tragen wenig zum Verständnis bei und manche Formulierungen klingen kitschig («wie das weiche Licht sich in ihren Wimpern verfing»). Die Grundidee des Buches – ein Liebesdrama unter Boomern während der Corona-Pandemie – ist überzeugend. In einer Zeit, in der viele von «Dating-Burnout» berichten, bietet Hettches Erzählung eine willkommene Abwechslung. Trotz seiner Fähigkeit, heftige Emotionen prägnant darzustellen («Sie liebten sich so, wie man bei grossem Durst ein Glas Wasser hinunterstürzt»), fehlen dem Roman zu viele solcher Szenen – möglicherweise ein Lektoratsproblem. Hettche bleibt ein Autor von Format, der in diesem Fall jedoch nicht vollends überzeugt.