Karl Barth lebte in einer ungewöhnlichen Haushaltskonstellation mit seiner Frau Nelly und der Krankenschwester Charlotte von Kirschbaum. Er gehört zu den Theologen, deren intellektuelle Arbeit durch persönliche Beziehungen geprägt wurde.
Die Herausforderungen einer Ménage-à-trois sind auch für Geistliche nicht ohne Komplikationen und führen zur Frage nach moralisch korrektem Verhalten sowie den Auswirkungen unerwarteter Freundschaften auf theologische Arbeiten. Ein neuer interdisziplinärer Sammelband beleuchtet die komplexen Beziehungsgeflechte von Karl Barth, Hans Urs von Balthasar und Karl Rahner – drei der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts.
Karl Barth (1886–1968) lernte in seinen späten Dreißigern Charlotte von Kirschbaum kennen, die trotz theologischer Kenntnisse hauptsächlich als Mitarbeiterin für sein Werk fungierte. Dies änderte seine Haltung und beeinflusste seine Theologie nachhaltig, wie Barth in Briefen beschreibt. In einem Schreiben aus dem Jahr 1947 reflektierte er über die Auswirkungen der jahrelangen Gemeinschaft mit zwei Frauen auf sein theologisches Denken.
Hans Urs von Balthasar (1905–1988) traf als Akademikerseelsorger in Basel Adrienne von Speyr, eine verheiratete Ärztin und Mystikerin. Er nahm sie in die katholische Kirche auf, gründete mit ihr die Johannesgemeinschaft und beschäftigte sich intensiv mit ihren religiösen Visionen. Balthasar selbst sprach von einer „Doppelsendung“ und einem „Doppelwerk“, was ihre prägende Rolle in seinem Schaffen unterstreicht.
Karl Rahner (1904–1984), begegnete der Schriftstellerin Luise Rinser, als er bereits fast sechzig Jahre alt war. Obwohl die Beziehung seine Theologie nicht grundlegend änderte, führte sie ihn zu einer neuen Erkenntnis über die Verbindung von Menschen- und Gottesliebe, was in seinen Briefen deutlich wird.
Während Barth offen über seine körperliche Beziehung zu Kirschbaum sprach, war bei Balthasar und Rahner die Frage des Zölibats präsent. Alle drei Beziehungen waren von großer Tiefe und Intimität geprägt. Der interdisziplinäre Sammelband beleuchtet den Einfluss biografischer Ereignisse auf das theologische Schaffen der Denker.
Eckhard Frick, Roman A. Siebenrock, Christoph Theobald (Hg.): Urereignis Liebe. Grosse Theologen des 20. Jahrhunderts und die Frauen an ihrer Seite. ReiheQuaestiones disputatae, Band 342. Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2025. 304 S., Fr. 72.90.