Einen Jahreszyklus nach der Atombombe-Abwürfe besuchte Pulitzer-Preisträger John Hersey Japan. Seine Berichterstattung über das menschliche Elend in Hiroshima formte und beeinflusst bis heute den Diskurs um die Gefahren von Kernwaffen. Die Aktualität seines Werks bleibt ungebrochen. Um 8:15 Uhr am 6. August 1945 erleuchtete ein Blitz Hiroshima, gefolgt von tiefer Dunkelheit. Sekundenbruchteile später lag die Stadt in Trümmern – das Schicksal ihrer Bewohner blieb jedoch jahrelang im Verborgenen. Trotz der Schlagzeilen der «New York Post» vom selben Tag, welche die Atombombe als 2000 Mal stärker als alle vorherigen Sprengkörper beschrieb, verharmloste und ignorierten Medien weitestgehend die Leiden der Zivilisten. Drei Tage nach Hiroshima traf es auch Nagasaki. Die Berichterstattung beschränkte sich auf Bilder von zerstörten Gebäuden und den Feierlichkeiten zum Ende des Krieges, nicht jedoch auf das menschliche Drama. Die amerikanischen Besatzer sperrten die betroffenen Städte für Journalisten ab; Zensur herrschte auch unter japanischen Medien. Von Leichen, zerstört und verbrannt durch die Explosion, gab es keine Fotos. Erst ein Jahr später präsentierte Hersey im «The New Yorker» am 31. August 1946 Bilder des Grauens: Versengte Gesichter, verzweifelte Gliedmaßenbewegungen vor Schmerzen und das Erbrechen auf den Straßen. Der 68-seitige Artikel mit dem Titel «Hiroshima», bestehend aus 31.000 Wörtern, erschütterte die Leserschaft. Hersey erhielt als renommierter Kriegsreporter Zugang zur Stadt und berichtete über sechs Überlebende – ein Werk, das den Journalismus revolutionierte und literarische Reportagen nachhaltig prägte. Er schilderte deren Erfahrungen vor, während und nach der Detonation: eine brennende Landschaft, stumme Qualen trotz schwerer Verletzungen, plötzliche Todesfälle von Unverletzten sowie die monatelangen Kämpfe mit Strahlenschäden. Hersey war einer der Ersten, die bekanntgaben, dass sofort 100.000 Menschen ums Leben kamen – eine Zahl, die weit über frühere Schätzungen hinausging. Bis heute sind etwa 244.000 Menschen an Spätfolgen gestorben. In den USA waren binnen Stunden 300.000 Exemplare ausverkauft, zahlreiche Zeitungen und Radiostationen verbreiteten das Werk, bevor es drei Monate später als Buch erschien, in Millionenauflage und vielen Sprachen. Militärhistorikerin Stephanie Hinnershitz betont: «Herseys Recherche hat nicht nur die öffentliche Debatte über Atomwaffen verändert – sie hat diese ins Leben gerufen.» Albert Einstein orderte 1000 Exemplare für Wissenschaftler an, begleitet von einem Brief, in dem er Hersey für seine wahrheitsgetreue Darstellung lobte und deren Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit betonte. Seit Hiroshima und Nagasaki wurde keine Atombombe mehr in Kriegen eingesetzt – ein Verdienst des journalistischen Meisterwerks. John Hersey selbst schrieb 1985, dass Erinnerung an Hiroshima den Frieden seit 1945 gewährleiste. Sein Mahnmal ist aktueller denn je. John Hersey: Hiroshima. Random House 1989. 160 Seiten.