Der ‘Lonely Planet’ gilt als Wegbereiter für Millionen von Rucksacktouristen weltweit.
Man hat ihm zahlreiche Auswirkungen zugeschrieben. Er soll Dörfer und ethnische Gemeinschaften zerstört, Diktaturen wirtschaftlich unterstützt und dazu beigetragen haben, dass in weiten Teilen Südostasiens Bananen-Pancakes zum Frühstück serviert werden.
Fakt ist: Der ‘Lonely Planet’ hat maßgeblich den Boom des Individualreisens vorangetrieben. Über die letzten fünfzig Jahre sind Millionen von Globetrottern mit diesem Reiseführer auf der Suche nach dem nächsten Highlight, der nächsten Bar oder Geheimtipp losgezogen. So ist er zur ‘Bibel der Backpacker’ geworden und wird in 33 Sprachen sowie bisher über 150 Millionen Mal verkauft.
Der Erfolg ist beachtlich, auch wenn der Titel des Führers als irreführend angesehen werden könnte. Der Reiseführer profitiert paradoxerweise davon, dass es nirgendwo mehr ‘lonely’ ist, da er die Massen von Touristen anzieht, über die er sich zugleich beschwert und auf sie macht.
Der Erfolg des ‘Lonely Planet’ begann 1973 mit der Veröffentlichung von Tony und Maureen Wheeler unter dem Titel ‘Across Asia on the cheap’. Beeinflusst durch die alternative Studentenkultur, waren die Texte frech, frisch und oft politisch. Tipps zum sicheren Kauf von Hasch oder Reisegeldverdienen mit Blutspenden fanden sich darin ebenso wie Anleitungen, Einheimische zur Rede zu stellen, wenn sie ungebührlich wurden. In Malawi wurde der Führer sogar verbannt, nachdem er den Langzeitpräsidenten kritisiert hatte.
Zum unkonventionellen Stil kam eine Detailverliebtheit, die sich die Autoren vor dem Internet in Straßen und Gassen erarbeiten mussten. Der Ruf war so gut, dass Legenden zufolge amerikanische Soldaten im Einsatz sich nach ihm richteten.
Heute orientieren sich Weltenbummler eher an Tripadvisor, Booking.com oder Instagram. Der ‘Lonely Planet’ kämpft um Relevanz mit Apps, TV-Serien und KI-Reiseplanern, hat gedruckte Führer gekürzt und viele Tipps durch Bilder ersetzt.
Tony Wheeler gab zu, seinen Schöpfungen 2007 rechtzeitig entkommen zu sein. Dennoch ist er stolz auf das Vermächtnis, auch wenn er die schädlichen Seiten seiner Reiseführer kennt: “Ich bekenne mich schuldig”, sagte er in einem Interview dieser Zeitung, um hinzuzufügen: “Wir sind nur ein Rad in einer gigantischen Maschinerie.”
Diese Tourismus-Maschinerie wird durch eine Zutat angetrieben, die der ‘Lonely Planet’ auch heute noch so geschickt anzufachen versteht wie früher: unser Reisefieber.
‘Lonely Planet’. Hunderte von Ausgaben in 33 Sprachen. Beispielweise der Führer zur Schweiz. Mairdumont 2024, 288 Seiten.