Künstliche Intelligenz (KI) wirft nicht nur die Frage nach Arbeitsplätzen auf, sondern fordert auch die institutionellen Grundlagen moderner Marktwirtschaften heraus. Als Jack Dorsey von Block Mitte Februar massenhaft entließ, stieg der Aktienkurs um 24 Prozent, begründet durch eine erhöhte Produktivität kleiner Teams dank KI. Kurz zuvor hatte ein Analystentext über die «Krise der Intelligenz im Jahr 2028» den Dow Jones sinken lassen.
Die Diskussion hat sich von Arbeitsmarktdebatten hin zur grundsätzlichen Frage gewandelt: Wie widerstandsfähig ist die institutionelle Struktur, wenn das Verhältnis zwischen Arbeit und Einkommen dauerhaft verändert wird? Optimisten sehen in früheren technologischen Umbrüchen ein Muster der Schaffung neuer Berufe. Pessimisten befürchten jedoch strukturelle Massenarbeitslosigkeit.
Die zentrale Frage ist nicht, ob genug neue Jobs entstehen werden, sondern ob die Struktur moderner Marktwirtschaften funktioniert, wenn sich Einkommensquellen verschieben. Diese Institutionen basieren auf der Annahme, dass Haushalte ihr Einkommen hauptsächlich durch Arbeit erzielen.
In fortgeschrittenen Volkswirtschaften stammen rund die Hälfte der Staatseinnahmen aus lohnbezogenen Steuern und Sozialbeiträgen. Die wichtigsten Ausgaben sind an Arbeitsmarktereignisse gebunden, was automatische Stabilisatoren bildet.
Diese Struktur funktioniert unter vier Bedingungen: Erwerbsarbeit bleibt die Haupteinkommensquelle; Arbeitslosigkeit ist vorübergehend; Reallokation bietet realistische Einkommensaussichten; Risiken sind versicherbar. Ein Argument besagt, dass Arbeitskräfte in sichere Bereiche wechseln können, doch dies führt unter Umständen zu Lohndruck.
Sinkt die Nachfrage nach spezifischen Qualifikationen oder geraten Löhne strukturell unter Druck, verliert die lohnbasierte Steuerbasis ihre Stabilität. Gleichzeitig steigen Sozialausgaben strukturell an, wodurch automatische Stabilisatoren ineffektiv werden.
Die enge Verbindung zwischen Lohnsystemen und Finanzmärkten erschwert die Lage weiter: Einkommensverluste können zu Finanzstabilitätsrisiken führen. Die bestehende Aufsichtsarchitektur ist für konjunkturelle Schwankungen ausgelegt, nicht jedoch für strukturelle Verschiebungen.
Obwohl eine Besteuerung des Kapitalanteils in Erwägung gezogen wird, sind internationale Mobilität und Steuerkonkurrenz problematisch. Selbst wenn die Finanzierung gelöst wäre, bleibt ein Koordinationsproblem der Umschulung bei breitem Einfluss von KI.
KI-intensive Produktion ist durch Kapitalintensität und Skaleneffekte gekennzeichnet, was zu Datenvorteilen führt und Kaufkraft konzentriert. Historisch wurden solche Spannungen mit institutionellen Innovationen gelöst.
Arbeit erzeugt nicht nur Einkommen, sondern auch gesellschaftliche Struktur und Zugehörigkeit. Wenn KI-bedingte Arbeitslosigkeit zunimmt, stabilisieren Transfers den Konsum, ersetzen aber nicht die sozialen Institutionen, die ein sinnvolles Leben ermöglichen.
Die zentrale Frage lautet also nicht nur, ob Anpassungen notwendig sind, sondern wie die Architektur des Wohlstands entwickelt werden kann, damit sie auch unter veränderten Produktionsbedingungen stabil bleibt. Entscheidend ist eine rechtzeitige Weiterentwicklung der Versicherungs- und Stabilisierungsarchitektur.
Winfried Koeniger ist Direktor des Schweizerischen Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung und Professor an der Universität St. Gallen, Martin Kolmar ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik und ebenfalls Professor an der Universität St. Gallen.