Bislang durfte das Schweizerkreuz nur für Produkte verwendet werden, die tatsächlich als «Swiss made» galten und strikte Kriterien erfüllten. Diese Regel könnte sich nun ändern, da der Wert von «Swiss made» gefährdet ist.
Die neuesten Erklärungen des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum zur Verwendung des Schweizerkreuzes werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Besonders die Änderung, initiiert durch die internationale Schuhmarke On (Produktion in Asien, Börse in den USA, Sitz in der Schweiz), ist bedenklich.
Früher war das Schweizerkreuz Produkten vorbehalten, die mindestens 60 Prozent ihrer Herstellungskosten in der Schweiz verursachten und einen wesentlichen Produktionsprozess im Land durchliefen. Nun könnte es auch für in der Schweiz entworfene Produkte verwendet werden, selbst wenn diese nicht hauptsächlich hier produziert werden. Diese Absicht, Forschung, Design und Ingenieurskunst zu fördern, birgt das Risiko, den Wert von «Swiss made» zu untergraben.
Die Schweiz hat sich auf die Versprechen von Qualität, Präzision und Zuverlässigkeit gestützt. Diese basieren auf der industriellen Realität – Menschen, die produzieren, montieren, kontrollieren und reparieren. Die Reduktion von Swissness auf Design oder Forschung schwächt diese Grundlage, da jedes «Swiss made»-Produkt ein komplettes industrielles Ökosystem reflektiert.
Die Diskussion über das Symbol geht tiefer: Es dreht sich darum, ob wir eine exportorientierte Industrie von KMUs erhalten möchten, die unsere Wirtschaft stützt. Denn ein industrieller Arbeitsplatz schafft etwa 1,5 weitere indirekte Jobs und bis zu 2 zusätzliche in der lokalen Ökonomie.
Die Schwächung der Schweizer Industrie bedeutet, das gesamte ökonomische System zu gefährden. Angesichts von Handelskonflikten und protektionistischen Politiken wird industrielle Souveränität wieder zentral. Die Erhaltung unserer Kompetenzen und Arbeitsplätze ist keine Wahl mehr – sondern eine strategische Notwendigkeit.
Die Debatte über Industriepolitik wird oft verzerrt gesehen. Es geht nicht darum, Unternehmen künstlich zu unterstützen oder einen «Pflegestaat» zu etablieren. Vielmehr muss klar definiert werden, welche Sektoren strategisch für die Schweiz sind.
Während manche an fairen Wettbewerb glauben, investieren andere Länder aktiv in ihre Industrie. Die schrittweise Deindustrialisierung der Schweiz ist vor allem bei KMUs sichtbar: Druck durch den starken Franken, sinkende Margen, Unterinvestitionen und ein schleichender Verlust von Kompetenzen.
Die jüngste Entscheidung des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum kann als Anpassungsversuch an diese Realität gesehen werden. Doch sie adressiert das Grundproblem nicht. Eine Ausdehnung der Schweizerkreuzverwendung auf nur in der Schweiz «designte» Produkte könnte einen industriellen Verlust durch Marketing ersetzen und die Glaubwürdigkeit von «Swiss made» langfristig untergraben.
Die Frage ist also: Wollen wir weiterhin produzieren oder nur noch entwerfen? Diese Entscheidung beeinflusst weit mehr als eine semantische Debatte – sie betrifft unser Wirtschaftsmodell, unsere Souveränität und das Vermächtnis für zukünftige Generationen. Wer die Produktion in der Schweiz unterstützt, sollte die «Lex On» ablehnen.
Nabil Francis ist CEO des Industrieunternehmens Felco.