Die letzte Tankerfahrt, die «Maetiga», bringt Kerosin aus Saudi-Arabien nach Grossbritannien. Dieses Schiff markiert das Ende einer Ära, denn ab sofort wird kein weiteres Schiff mehr durch die Strasse von Hormus passieren. Überwachungen der Datenfirmen Kpler und Vortexa zeigen eine beispiellose Leerstelle: Waren es früher im Durchschnitt acht gleichzeitige Lieferungen, sind es nun kaum noch welche. Bald wird es keine mehr geben.
Die Strasse von Hormus, ein strategisches Nadelöhr im Meer, ist derzeit einer ständigen Bedrohung durch Raketenangriffe ausgesetzt. Normalerweise passieren hier pro Tag 20 Millionen Barrel Öl in Tankern. Jetzt aber fließen Misstrauen und Konflikte, während Europa plötzlich um 300.000 Barrel Kerosin täglich gebracht wird. Die Importe sind von über 600.000 Tonnen auf knapp 250.000 gesunken – ein halber Markt ist verschwunden.
In London gibt es noch Verlautbarungen zur Beruhigung, doch die Branche rechnet anders: Der Preis für Flugbenzin in Nordwesteuropa hat sich mehr als verdoppelt und liegt nun bei über 1700 Dollar pro Tonne. Die Annahme, Deutschland und die Schweiz seien von diesen Entwicklungen verschont, ist eine Fehleinschätzung.
Deutschland verlässt sich auf den Hafen von Rotterdam und Antwerpen; ohne diese Lieferungen kommt nichts den Rhein hinauf. Die Schweiz wiederum ist abhängig von Deutschland sowie Frankreich und den Niederlanden, ähnlich einem Patienten an der Infusion.
Trotz offizieller Statistiken zur Verringerung der Abhängigkeit vom Nahen Osten bleibt die Praxis anders: Ein erheblicher Teil der Ölprodukte wird über Umwege nach Europa geliefert, wobei Indien eine Rolle als Zwischenstation spielt.
Der Markt reagiert auf diese Veränderungen mit Opportunismus. Lieferungen werden umgeleitet und Verträge neu verhandelt. Wer mehr zahlt, erhält Priorität. Analysten sind jedoch skeptisch, ob Ersatzlieferungen aus den USA oder Westafrika die entstandene Lücke vollständig schliessen können.
Autofahrer müssen sich zunächst auf steigende Preise einstellen, während Airlines vor größeren Herausforderungen stehen. Lieferunterbrechungen könnten Ferienpläne und Ticketpreise erheblich beeinflussen.
Europa hat sich von russischem Öl getrennt, um moralische Grundsätze zu wahren, steht aber nun vor neuen Problemen. Der letzte Tanker ist unterwegs; danach beginnt die große Unsicherheit und das Improvisieren.