Der renommierte Psychiater und Psychotherapeut Daniel Hell, bekannt für seine Arbeiten zur Depressions- und Angstforschung, warnt davor, dass heute unangenehme Empfindungen zu schnell als psychische Störungen eingestuft werden. Der 81-jährige ehemalige Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich betont in seinem neuen Buch “Fragile Psyche”, dass eine innere Brüchigkeit zum menschlichen Wesen gehört und nicht immer als Schwäche zu betrachten ist.
Hell sieht den Anstieg von psychischen Problemen unter Jugendlichen kritisch. Er führt dies auf gestiegene Ansprüche an sich selbst und andere zurück, die durch einen hohen Autonomie- und Selbstoptimierungsanspruch begleitet werden. Zudem tragen technische und gesellschaftliche Umbrüche zur Verunsicherung bei. Die ständige Präsenz psychologischer Themen in den Medien verstärkt den Eindruck, dass solche Probleme häufiger auftreten als früher.
Der Experte hebt hervor, dass die Pathologisierung normaler Gefühle zunimmt. So wird heute eher von Depression gesprochen, wo früher Begriffe wie “bedrückt” oder “niedergeschlagen” verwendet wurden. Dies führt zu einer vermehrten Diagnosefindung und der Ausweitung psychiatrischer Kriterien, was auch neue Störungsdefinitionen hervorbringt.
Hell betont die Bedeutung von Resilienz im Gegensatz zur Fragilität. Während Fragilität eine innere Brüchigkeit beschreibt, bezieht sich Vulnerabilität auf äußere Verletzungen und Resilienz auf die Fähigkeit, mit Belastungen umzugehen. Er argumentiert, dass die Anerkennung der eigenen Fragilität kreativ und wertvoll sein kann.
In seiner langjährigen Laufbahn hat Hell mehrere Bücher veröffentlicht und hält an seiner Überzeugung fest: Die menschliche Psyche ist komplex und ihre Brüche können Entwicklungsschritte einleiten. Er plädiert dafür, die eigene Fragilität nicht nur als Schwäche zu sehen, sondern auch als Teil der menschlichen Existenz, die Licht in das Dunkel bringt.