Die nationale Netzbetreiberin Swissgrid hebt hervor, dass die Integration des rasant wachsenden Photovoltaiksektors in das Schweizer Stromnetz bei aktuellen Rahmenbedingungen kaum realisierbar ist. Ein grundlegender Umbau der Netzregelung sei erforderlich.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die installierte Leistung der Photovoltaikanlagen in der Schweiz versiebenfacht. Bis 2025 könnte Solarstrom bereits etwa 14 Prozent des Stromverbrauchs decken – eine Menge, die dem Output eines durchschnittlichen Jahres eines Atomkraftwerks wie Gösgen entspricht. Derzeit tragen über 300.000 Anlagen zur Stromversorgung bei, wobei der Ausbau weiterhin in hohem Tempo voranschreiten soll: Bis 2050 plant der Bund eine fast fünffache Steigerung der installierten Leistung.
Obwohl der Solarboom positiv zu bewerten ist, birgt er erhebliche Herausforderungen für das Stromsystem. Swissgrid muss bereits heute regelmäßig eingreifen, um Schwankungen im Netz durch ungenaue Prognosen lokaler Versorger auszugleichen. Bei zunehmendem Solarstrom könnte die Kapazität der Netzbetreiber bald an ihre Grenzen stoßen.
Am Montag veröffentlichte Swissgrid ein White Paper, das dringende Anpassungen von Politik und Behörden fordert: Eine Integration von bis zu 40 Gigawatt Photovoltaikleistung scheint unter den aktuellen Umständen kaum vorstellbar. Es reiche nicht aus, einfach weiterhin Solaranlagen hinzuzufügen; vielmehr seien grundlegende Änderungen bei Marktregeln und technischen Standards erforderlich.
Besonders kontrovers ist der von Swissgrid vorgeschlagene Ansatz zur Anschlussregelung. Derzeit bestehen Anschluss- und Abnahmepflichten für Verteilnetzbetreiber, was zu einem Netz führt, das auf maximale Solarleistungen ausgelegt ist – eine teure und bürokratisch schwierige Lösung. Swissgrid schlägt vor, die Netzanschlusskapazität um bis zu 50 Prozent gegen Entschädigung einschränken zu dürfen; Anlagenbetreiber würden dadurch über ein Jahr gesehen etwa 15 Prozent ihrer Energie verlieren.
Darüber hinaus sollten Solaranlagenbesitzer nicht mehr mit festen Vergütungen für eingespeisten Strom rechnen. Stattdessen sollte der Solarstrom Marktsignalen folgen, insbesondere bei negativen Preisen. Die bisherige Abnahmepflicht des lokalen Versorgers könnte durch ein Modell ersetzt werden, in dem Anlagenbetreiber einen Vermarkter wählen können.
Das traditionelle Modell von PV-Anlagen, die Strom produzieren und dafür fixe Tarife erhalten, ist nicht mehr zeitgemäß. Zukünftig wirtschaften diese nur noch, wenn sie auf Preise reagieren können, was flexible Anwendungen wie Speicher und intelligente Verbraucher erfordert.
Die Förderung sollte sich künftig an der installierten Kapazität statt am maximalen Jahresertrag orientieren. Die Netzbetreiberin argumentiert, dass in der Schweiz im Sommer bereits ausreichend Solarstrom produziert wird und keine strukturellen Überschüsse im Winter zu erwarten sind.
Swissgrid sieht den erforderlichen Umbau nicht nur bei Marktregeln und Fördermodellen, sondern auch im Systembetrieb. Mit dem Rückbau konventioneller Kraftwerke geht die Trägheit verloren, die Frequenzschwankungen dämpft. Swissgrid prüft daher, ob Wechselrichter, PV-Anlagen und Batterien systemstützende Funktionen übernehmen können.
Ein weiteres zentrales Thema ist der Datenfluss: Verlässliche Echtzeitinformationen über Anlagenleistung, Produktion, Speicherung und Verbrauch fehlen oft. Swissgrid betont die Notwendigkeit neuer technischer Standards und Cybersicherheit für eine erfolgreiche Integration von Photovoltaik als Digitalisierungsprojekt.