Auf dem Col des Gentianes beobachtet Victor Hale-Woods mit einem Feldstecher die Nordwand des Bec des Rosses, wo er am Tag zuvor mögliche Abfahrtsrouten mit seinem Coach geplant hat. Trotz seiner üblichen Gesprächigkeit bleibt er an diesem Mittag still und äußert lediglich: «J’essaie». Der 23-jährige Unterwalliser steht im Finale der Freeride World Tour, bekannt als das Verbier Xtreme, wo er am nächsten Tag die gefürchtete Steilwand hinunterfahren will. Die Abfahrt umfasst eine Höhendifferenz von 500 Metern und eine durchschnittliche Steigung von 50 Grad, mit meterhohen Felsen überall – ein Sturz könnte tödlich enden.
Schon seit seiner Kindheit träumt Victor von diesem Moment. Er ist der Sohn des Wettkampf-Erfinders Nicolas Hale-Woods.
Am Tag vor dem Wettbewerb fiel nochmals Schnee, wodurch die Tannen im seltenen Weiß erstrahlen. Freerider mit teuren Ausrüstungen drängeln sich in die Gondeln, um als erste den Pulverschnee zu genießen. Hunderte Zuschauer versammeln sich am Fuße des Bec des Rosses, verfolgen auf einem großen Bildschirm die Abfahrten und feiern jede Linie mit Ausrufen wie «Sick line!» oder «Insaaane!».
Nicolas Hale-Woods hatte 1996 zusammen mit Kollegen den ersten Freeride-Wettkampf organisiert, damals noch für Snowboarder. Später öffnete sich der Wettbewerb auch Skifahrern und Frauen an, wurde Teil einer Welttournee und 2022 vom Ski-Weltverband FIS übernommen.
Victor Hale-Woods fokussiert sich nun auf seine Atmung und die geübten Abläufe. Er versucht sich selbst zu beruhigen: «Es ist doch nur Skifahren.» Sein Vater, der auch bei der IOK-Delegation für das Freeriden wirbt, übermittelt ihm vor dem Start per Funk seine Unterstützung: «Geniess die Abfahrt, hab Spass und gib alles!”
Während andere im Final beeindruckende Läufe hinlegen, konzentriert sich Victor auf seine eigene Fahrt. Er springt über Felsen und führt riskante Sprünge aus, für die es viele Punkte gibt. Doch dann stürzt er schwer, prallt mit solcher Wucht gegen den Schnee, dass er fast zwanzig Mal überschlägt. Als er endlich liegen bleibt, zeigt er ein unverletztes Lächeln und winkt.
Im Ziel werden die anderen Teilnehmer gefeiert, während Victor mit einem Bier auf dem Weg zu einer Erholung ist: «Es ist, wie es ist, man kann nicht immer gewinnen.» Eine Freeride-Legende küsst ihn auf die Wange und bringt Trost.
Während andere Väter sich Sorgen machen würden, bleibt Nicolas Hale-Woods ruhig. Für ihn gehört das Risiko zum Wesen des Freeridens, welches ein integraler Bestandteil der Familiengeschichte ist: «Tragödien passieren, aber wir können nicht einfach aufhören zu skifahren und nach Lausanne ziehen.”