Trotz der kurzfristigen Profitabilität, die dem amerikanischen “Big Oil” durch den Iran-Konflikt beschert wird, ziehen sich die Unternehmen zurückhaltend vom massiven Ausbau ihrer Förderkapazitäten zurück. Diese Vorsicht erscheint aus betriebswirtschaftlicher Sicht sinnvoll.
Derzeit profitieren Energiekonzerne wie ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips von stabilen Förderkosten in Texas und Alaska, während sie Rohöl zu deutlich höheren Preisen auf dem Weltmarkt verkaufen. Die Aktien dieser Firmen sind seit Jahresbeginn gestiegen. Doch der Eindruck, dass momentan nichts schiefgehen kann, ist trügerisch.
Die Führungskräfte großer US-Ölkonzerne zeigten sich bei einer Branchenveranstaltung in Houston zurückhaltend bis pessimistisch bezüglich langfristiger Auswirkungen des Konflikts. Neue Investitionen sind kaum bekannt geworden, um die Förderung zu steigern.
Diese Zurückhaltung hat gute Gründe: Neben den direkten Auswirkungen der Blockierung oder Beschädigung von Ölfeldern im Nahen Osten, für die die Firmen mitverantwortlich sind, besteht das Risiko, dass Investitionen in teure Infrastrukturen nicht rentabel bleiben. Die Terminmärkte erwarten Preise zwischen 70 und 75 Dollar pro Fass für Lieferungen in den kommenden Jahren, was auf eine baldige Beendigung des Konflikts hindeutet.
Die Volatilität der Ölpreise bleibt bestehen; ein Kursverfall folgte einer Ankündigung Trumps über ein nahes Kriegsende, während seine späteren Drohungen den Preis wieder in die Höhe trieben. Sollte sich das Blockieren von Rohstoffen aus dem Persischen Golf verlängern, könnten die Preise für spätere Liefertermine deutlich steigen.
Seit Beginn des Fracking-Booms vor zwei Jahrzehnten hat sich die Branche gewandelt. Früher dominierten private “Wildcatters”, heute sind börsennotierte Unternehmen mit institutionellen Anlegern an der Spitze, die auf hohe Dividenden statt auf risikoreiche Investitionen setzen.
Ein länger andauernder Konflikt könnte den US-Konzernen eine Ausweitung ihrer Marktanteile ermöglichen. Doch langfristig könnten sehr hohe Preise dazu führen, dass Importländer ihren Verbrauch von Benzin und Diesel reduzieren. Elektroautos bieten hierbei zunehmend attraktive Alternativen.
Anekdotische Evidenzen zeigen, dass der Krieg die Nachfrage nach Elektromobilität in Asien und Europa beschleunigt hat und auch in den USA zu neuem Interesse führt. Hohe Preise könnten auf Dauer die Ölnachfrage schädigen, weshalb Investitionszurückhaltung für die Konzerne aktuell vernünftig erscheint.