In Beirut ist es kurz vor Mitternacht am Samstag und Georges Chahine steht kurz davor, seinen 41. Geburtstag zu feiern. Der Mann mit grauem Bart sitzt im Backstage-Bereich seines Klubs, umgeben von den Geräuschen des Basses, die durch die Schallisolierung gedämpft werden. Er reflektiert über das Leben in Libanon, wo er bereits zehn Kriege und Krisen erlebt hat: Bürgerkrieg, Grenzkriege zwischen Israel und Hizbullah, die Beiruter Hafenexplosion, den Finanzkollaps, die Pandemie und nun der erneute Konflikt mit dem jüdischen Staat. “In anderen Ländern erleben Menschen vielleicht nur ein solches Ereignis in ihrem Leben”, meint Chahine.
Chahine gründete 2014 zusammen mit Kollegen den Klub “Grand Factory” in einer ehemaligen Matratzenfabrik im östlichen Beirut. Trotz der regelmäßigen Luftangriffe Israels auf die südliche Stadt sind die Türen des Klubs weiterhin am Wochenende geöffnet. Während einige Libanesen vor den Bombardierungen fliehen, fragt man sich, warum andere hier feiern.
“Das mag unsensibel klingen”, sagt Chahine, “aber es ist nicht unser erster Krieg.” In dieser Nacht sind etwa 300 Gäste in der “Grand Factory”. Zwei Tanzflächen sind belebt mit Techno und Hip-Hop, während das Licht im Rhythmus der Musik pulsiert. Der dritte, größte Dancefloor bleibt geschlossen seit Beginn des Konflikts, da weniger Menschen zum Feiern bereit sind.
Die Gäste möchten nicht über den Krieg sprechen; ein Mann mit Brille und Ohrringen erklärt, dass er nach der Angst der Woche einen Freiraum brauche. Andere bestätigen: “Das ist Libanon.” Shadi Shahrour, ein 38-jähriger Videocutter, der seit einem Jahr nicht in einem Klub war, findet Trost im Tanzen. “Ich kann nichts ändern, also kümmere ich mich um mich selbst”, sagt er und lacht über den Kontrast zwischen dem Krieg in seiner Heimat Kfar Hamam und der Atmosphäre des Klubs.
Chahine betont zwei Gründe für die Fortführung der Partys: Hoffnung geben und Arbeitsplätze sichern. Zudem steht eine Spendenbox am Eingang, um Vertriebene zu unterstützen. Obwohl einige den Hedonismus in Kriegszeiten verurteilen, verteidigt Chahine die individuelle Trauerbewältigung.
Bis drei Uhr morgens sind beide Tanzflächen voll und es herrscht ausgelassene Stimmung. Auch der DJ Rooney Nasr, frisch von seinem Auftritt, schwärmt von der Energie im Klub trotz des Krieges und hat Bedenken wegen seiner Karriere und zukünftigen Auftritten.
Geplant war ein Festival mit internationalen Künstlern, doch auch diese Pläne sind vorerst auf Eis gelegt. “Ich weiss nicht einmal, was morgen passiert”, sagt Nasr. Trotz der Drohungen des Konflikts bleibt die Atmosphäre in der “Grand Factory” von einem Gefühl der Vergessenheit und Hoffnung geprägt.