Eine Künstlerin, bekannt als Madame Nielsen, zieht mit einer provozierenden Aktion in der deutschen Theaterlandschaft Aufmerksamkeit auf sich. In ihrem Buch «Das Zeitgeisterhaus» verarbeitet sie einen realen Skandal zu einer Reflexion über die gegenwärtige deutsche Gesellschaft.
Es handelt sich um eine nicht ganz alltägliche Chronik eines Theaterskandals: Eine eigenwillige Künstlerin, die nur als Milady bekannt ist und aus Skandinavien stammt, tritt in einer deutschen Großstadt auf. Sie spielt die Hauptrolle in einem von ihr kreierten Musical mit großer Resonanz vor ausverkauftem Saal. Während der zweiten Showteilhälfte verwandelt sich Milady in eine Außerirdische, das Kostüm färbt jedoch auf ihre Unterwäsche ab. Da sie am nächsten Morgen einen Termin hat, bittet die Künstlerin ihren Assistenten um Hilfe beim Waschen ihrer Kleidung.
Als dieser dies ablehnt und sich auf seine ihm vorgegebenen Aufgaben beruft, eskaliert die Situation: Milady gibt den Hitlergruß als ironische Geste zur deutschen Obrigkeitshörigkeit. Sie wird daraufhin ohne Möglichkeit zur ausführlichen Verteidigung von der Produktion entlassen.
Im Buch «Das Zeitgeisterhaus» ist diese Milady eine Metapher für Madame Nielsen selbst, die sich seit einem Vierteljahrhundert ganz in ihre Kunstfigur verwandelt hat. An einem Literaturfestival auf dem Monte Verità spricht sie über ihr neues Werk und betont, wie wichtig es für sie sei, Identitäten zu erforschen.
Madame Nielsen, ehemals Claus Beck-Nielsen, legte symbolisch ihre alte Identität ab und verfolgt seitdem in verschiedenen Projekten die Möglichkeiten der Selbstverwandlung.
Der im Buch dargestellte Fall hat reale Wurzeln an den Münchner Kammerspielen. Doch die Autorin verschiebt den Konflikt ins Reich der Fiktion und äußert sich vorsichtig zu realen Details: «Meine Erfahrungen in Deutschland sind in diesem Text gebündelt, obwohl ich nicht konkret werde.»
Anstatt auf Boulevard-Elemente wie Anklagen oder Debatten über Cancel-Culture abzuzielen, legt sie Wert darauf, dass das Allgemeine oft mehr Interesse weckt als ein einzelner Fall: «Für mich ist ‹Das Zeitgeisterhaus› kein Einzelfall, sondern typisch für unsere Zeit. Die deutsche Gesellschaft glaubt, ihre Vergangenheit aufgearbeitet zu haben und offen zu sein, obwohl autoritäre Strukturen bestehen bleiben.»
Trotz der Brisanz des Themas erfuhr der Skandal kaum mediale Beachtung; das Theater versuchte, den Fall unter Verschluss zu halten. Madame Nielsen kritisiert die Lüge einer Krankheit als Begründung für Miladys Abgang und wünscht sich eine direkte Auseinandersetzung mit dem missverstandenen Hitlergruß auf der Bühne.
Die Figur der Milady ist von Anfang an problematisch, da sie in das Kollektiv einer Theaterproduktion nicht einfach zu integrieren ist. Madame Nielsen reflektiert über den Individualismus innerhalb von Communities und meint: «In unserer stark individualisierten Welt ist die Vorstellung einer Gemeinschaft utopisch.»
Aktuelle Beispiele aus der Theaterwelt, wie Angriffe auf Schauspieler oder öffentliche Traumata nach Aufführungen, zeigen, dass man in Deutschland Konflikten oft ausweicht, was wiederum neue Konflikte hervorruft. Madame Nielsen plädiert dafür, mit politisch Rechten zu kommunizieren und nicht die Konflikte der Welt zu verdrängen.
Statt eine Abrechnung vorzulegen, bietet das Buch ein Mehrstimmigkeitsszenario, in dem unterschiedliche Perspektiven Gehör finden. Madame Nielsen hofft, dass Leser stets neue Einsichten gewinnen und Verständnis als Grundlage für Frieden erkennen.
Madame Nielsen: Das Zeitgeisterhaus. Alexander-Verlag, Berlin 2026. 136 S., Fr. 33.90.