In der Schweiz können internationale Medtech-Hersteller deutlich höhere Preise für künstliche Gelenke verlangen als in Deutschland. Ein Grund dafür ist das Überangebot an Spitälern im Land.
Ein Implantat kann die Lebensqualität erheblich steigern, wie Lindsey Vonn erlebt hat. Nach Verletzungen bekam sie ein Teilknieimplantat eingesetzt und gewann daraufhin wieder Skirennen. Auch für normale Patienten sind diese Operationen oft lebensverändernd, da viele vorher kaum noch schmerzfrei gehen konnten.
Die Schweiz verzeichnet eine hohe Anzahl solcher Eingriffe: Im Jahr 2024 wurden etwa 28.000 Hüft- und 25.000 Knieprothesen implantiert. Trotz ihrer positiven Wirkung sind diese Produkte jedoch teuer. Eine Recherche ergab, dass Schweizer Spitäler doppelt so viel für künstliche Gelenke zahlen wie ihre deutschen Kollegen.
Diese Preisdifferenz trägt zu den hohen Gesundheitskosten in der Schweiz bei. Für Hüft- und Knieoperationen werden jährlich rund 860 Millionen Franken ausgegeben, wovon etwa ein Fünftel auf die Materialkosten entfällt – also ungefähr 180 Millionen Franken. Diese Kosten teilen sich Prämienzahler und Kantone nach Abzug von Franchise und Selbstbehalt.
Hersteller wie DePuy Synthes, Zimmer Biomet, Smith & Nephew, Stryker, Lima oder Mathys vertreiben diese Implantate. Ihre Verkaufspreise sind jedoch oft nicht öffentlich zugänglich, da Abnehmer gezwungen sind, Preisgeheimhaltung zu vereinbaren.
Dennoch konnte die NZZ Preisinformationen über vier Hersteller erhalten, darunter das Stryker-Modell «Triathlon», welches auch Lindsey Vonn nutzt. Dieses Modell kostet in der Schweiz 2585 Franken, während ein deutsches Krankenhaus für dasselbe Implantat nur 1490 Euro (rund 1420 Franken) bezahlt – eine Preisdifferenz von über 80 Prozent.
Ähnliche Preisunterschiede zeigen sich bei den Angeboten der Unternehmen Smith & Nephew, Lima und Mathys. Diese Modelle sind in der Schweiz ungefähr doppelt so teuer wie in Deutschland. Auch Hüftgelenke kosten in der Schweiz rund das Doppelte im Vergleich zu Deutschland.
Ein weiterer Faktor ist der geringere Kostendruck im deutschen Gesundheitswesen, das als Tiefpreismarkt gilt. Dort werden seit Jahrzehnten Fallpauschalen verwendet, um Kosten zu senken und Spitäler zur Etablierung von effizienten Einkaufsstrategien anzuregen.
Orthopäde Stephan Heinz erklärt jedoch, dass trotz hoher Preise die Schweizer Qualität hoch bleibe, da Hersteller hier gerne Innovationen einführen. Dennoch bleibt die Frage nach den hohen Kosten bestehen.
Ein weiterer Unterschied liegt im Serviceumfang: Schweizer Spitäler beziehen häufiger zusätzliche Dienstleistungen der Hersteller mit ein, was zu höheren Gesamtkosten führt.
Die Schweiz hat mehr kleine Spitälerr mit geringeren Fallzahlen als Deutschland. Dies beeinflusst die Verhandlungsmacht und damit die Preise für Implantate. Trotzdem reichen diese Gründe nicht aus, um die doppelten Kosten im Vergleich zu Deutschland vollständig zu erklären.
Die Hersteller Stryker, Smith & Nephew, Lima und Mathys gaben keine spezifischen Antworten auf Fragen bezüglich der Preisdifferenzen. Swiss Medtech führt den Preisunterschied auf Marktfragmentierung zurück.
Potenzielle Lösungen wie separate Preise für Implantate und Service oder ein nationales Implantate-Register stoßen auf Widerstand, da sie die Qualität gefährden könnten. Die Idee staatlich festgelegter Preise wird ebenfalls kritisch gesehen.
Letztendlich bleibt ungewiss, ob sich die Preisfindung in der Schweiz ändern wird und ob die hohen Kosten für Implantate weiterhin bestehen bleiben.