Lars Klingbeil, Parteivorsitzender der SPD, kritisiert eine generelle Verweigerungshaltung bei Reformen. Doch sein eigenes politisches Lager zeigt sich als Paradebeispiel dafür. Susann Kreutzmann von der NZZ Deutschland berichtet über diese Thematik im Newsletter «Der andere Blick am Abend». Auch nicht in Deutschland lebende Leser können diesen kostenlos abonnieren.
In einer Ansprache bei der Bertelsmann-Stiftung beschuldigte Klingbeil, Bundesfinanzminister und SPD-Chef, alle anderen Parteien für die Reformblockade im Land. Er beklagte einen Stillstand und dass jeder Vorschlag sogleich zu einem «Aufschrei» oder zum Opfer von Lobbyarbeit wird. Dabei nimmt sich Klingbeil selbst in Schutz, obwohl seine Partei maßgeblich an diesem Stillstand beteiligt ist.
Ein Beispiel hierfür sind die Gesundheitsreformvorschläge der vergangenen Woche. Eine vom Bund eingesetzte Kommission forderte strukturelle Änderungen und mehr Effizienz, da das deutsche Gesundheitssystem ein Ausgabenproblem hat. Stattdessen schlägt die SPD vor, gut verdienende Bürger stärker zu belasten, um finanzielle Löcher in den Krankenkassen zu stopfen.
Konkret will die Partei die Einkommensgrenze erhöhen, ab der keine steigenden Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung fällig werden. Derzeit liegt diese Grenze bei etwa 70.000 Euro und soll auf rund 101.000 Euro angehoben werden. Dieser Plan widerspricht den Expertenempfehlungen und könnte diejenigen treffen, die das Land zusammenhalten – wie Lehrer, Ingenieure und Facharbeiter.
Diese Politik ist nicht nur leistungsfeindlich, sondern berücksichtigt auch nicht die wirtschaftlichen Realitäten. Die SPD setzt mit dieser Strategie auf Umverteilung statt Reformen und droht damit, hochqualifizierte Arbeitskräfte in die private Krankenversicherung zu treiben. Alleinerziehende und Familien mit einem alleinigen Verdiener würden ebenfalls unter der Belastung leiden.
Die Aufzählung macht deutlich: Die SPD verfolgt nicht wirklich das Ziel, Gerechtigkeit zu schaffen, sondern will sich durch Umverteilungsmaßnahmen von notwendigen Reformen freikaufen. Klingbeils Kritik am Zerreden von Reformvorschlägen zeigt nur ein Symptom auf; die Ursache ist der fehlende Mut in der politischen Führung.
Es mangelt an Politikern, die für ihre Überzeugungen bereit sind, Karrieren zu riskieren. Die Mitte blockiert sich selbst aus Angst vor Wählerverlusten. Parteifunktionäre wie Klingbeil haben den Blick aufs Große verloren.
Historisch betrachtet, zeigte die SPD unter Helmut Schmidt und Gerhard Schröder Mut zu unpopulären Entscheidungen. Helmut Schmidt setzte den Nato-Doppelbeschluss um, und Gerhard Schröder brachte mit der Agenda 2010 seine Partei an ein Zerwürfnis. Ulla Schmidt nahm als Gesundheitsministerin unpopuläre Maßnahmen zur Kostenkontrolle vor.
Heute erodiert das Vertrauen in politische Handlungsfähigkeit, obwohl die Notwendigkeit von Reformen klar ist. Die Menschen werden auf Veränderungen eingestimmt, ohne dass ein echter Aufbruch sichtbar wird. Die Zeit für mutige Entscheidungen schrumpft.