Pekings Vorgehen gegenüber Taiwan basiert nicht auf dem Warten für einen optimalen Angriffsmoment, sondern auf einer Strategie der Abhaltung und Einbindung. Diese Taktik zeigt erste Erfolge, wie das Treffen von Taiwans Oppositionsführerin mit Xi Jinping belegt.
Die Sorge vor einem chinesischen Angriff wird oft angesichts von US-Militäraktionen im Iran oder gegen Nicolás Maduro in Venezuela laut. Die dahinterstehende Annahme: China nutzt die Ablenkung der USA, um Taiwan zu überfallen.
China betont jedoch, dass eine Vereinigung Taiwans ohne Krieg angestrebt wird. So steht es im Antisezessionsgesetz von 2005 fest: «Der Staat sollte alles in seiner Macht Liegende tun, um mit grösstmöglicher Aufrichtigkeit eine friedliche Wiedervereinigung anzustreben.»
Doch Chinas Methoden sind nicht immer friedlich. Die Volksbefreiungsarmee verschärft den Druck durch regelmäßige Militärmanöver nahe Taiwan und Flugzeugübungen über der Taiwanstraße. Dieser Ansatz wurde bereits in Hongkong deutlich, als die Demokratieproteste 2019 von Peking unterdrückt wurden.
Obwohl China eine militärische Option offen lässt, sieht das Antisezessionsgesetz gewaltfreie Methoden vor, solange es keine Unabhängigkeitsbestrebungen Taiwans gibt. Ein offener Konflikt ist jedoch mit hohen Risiken verbunden – wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch.
Pekings Primärstrategie besteht darin, den Druck auf Taiwan schrittweise zu erhöhen und die Vorteile einer Annäherung an China zu betonen. Diese Einflussnahme reicht von Medien über Influencer bis hin zur Politik. Der Zeitrahmen für diese Strategie bleibt unklar.
Trotz Jahrzehnte dauernder Bemühungen scheinen Chinas Versuche auf den ersten Blick gescheitert zu sein. Eine Umfrage von 2025 ergab, dass sich 62 Prozent der Taiwaner ausschließlich als solche identifizierten, nur 2,5 Prozent als ausschliesslich Chinesen und knapp 32 Prozent als beides. Die Demokratisch-Progressive Partei, die auf mehr Autonomie abzielt, regiert seit zehn Jahren ununterbrochen.
Dennoch zeigt der Besuch von Cheng Li-wun, der Vorsitzenden der Kuomintang, dass Chinas Strategie auch Erfolge erzielt. Sie, eine frühere Verfechterin der taiwanischen Unabhängigkeit, reiste als erste Parteichefin seit zehn Jahren nach China und traf Xi Jinping – mit einer Rhetorik, die sich kaum von Pekings Linie unterscheidet.
Die Kuomintang könnte in den kommenden Lokalwahlen gewinnen, indem sie für friedliche Beziehungen zu China wirbt. Sie findet insbesondere bei Älteren und Wählern Anklang, die einen weniger konfrontativen Kurs gegenüber China bevorzugen.
Während viele Taiwaner nicht unter chinesische Herrschaft fallen möchten, vermeiden sie auch einen bewaffneten Konflikt. Diese Angst wird von Peking gezielt genutzt, in der Hoffnung, den Widerstandswillen der Taiwaner zu schwächen und schließlich zu brechen.